Menu

Macht die moderne Arbeitswelt krank?

Die Zahl der Berufstätigen mit psychischen Problemen steigt. Doch warum? Aufgrund des erhöhten Arbeitsdrucks in den Unternehmen? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Macht die moderne Arbeitswelt krank?

"Die Zahl der Berufstätigen mit psychischen Erkrankungen steigt." Solche Nachrichten liest und hört man seit Jahren in den Medien. Und regelmäßig streiten Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter darüber, was die Ursachen hierfür sind. Der erhöhte Arbeitsdruck in den Betrieben ist schuld, betonen in der Regel die Arbeitnehmervertreter unisono. Und die Vertreter der Arbeitgeber? Sie sind meist der Auffassung, die Berufstätigkeit sei nie die alleinige Ursache für das Entstehen psychischer Erkrankungen.

Wer hat Recht? Warum klagen heute mehr Arbeitnehmer über ihre psychische Belastung als früher? Die veränderte Arbeitswelt spielt hierbei durchaus eine Rolle. Davon ist Georg Kraus, Inhaber der Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, Bruchsal, überzeugt: "In den meisten Betrieben geht es heute hektischer zu." Zudem seien viele Beschäftigungsverhältnisse fragiler. Angefangen bei den gering Qualifizierten, die vielfach nur noch Minijobs und Jobs bei Zeitarbeitsfirmen finden. Bis hin zu den Hochqualifizierten, die in den ersten Berufsjahren oft nur Zeitverträge erhalten. Auch diese veränderten Rahmenbedingungen erhöhen die psychische Belastung vieler Arbeitnehmer. Das blenden viele Arbeit-geber gerne aus.


Doch hierin die alleinige Ursache für die gestiegene Belastung zu sehen, "das greift zu kurz", betont Kraus. "Unser gesamtes Leben hat sich verändert." So werde heute von den Menschen insgesamt erwartet, "mehr Eigenverantwortung zu zeigen und private Vorsorge zu betreiben". Zum Beispiel fürs Alter oder die Gesundheit. Auch das trägt dazu bei, dass die Belastung steigt. Noch entscheidender ist für Kraus aber folgender Punkt: "Die Sozialstrukturen in unserer Gesellschaft haben sich gewandelt."


Unterstützungssystem fehlt zunehmend

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren in Deutschland Familien mit drei, vier Kindern gang und gäbe. Und wenn der Nachwuchs selbst eine Familie gründete? Dann geschah dies meist relativ nah beim Elternhaus. "Entsprechend groß war das familiäre Unterstützungssystem, aber auch der gewachsene Freundeskreis, auf den man sich im Bedarfsfall stützen konnte", erklärt Kraus.


Und heute? Heute dominieren im großstädtischen Raum die Singlehaushalte. Und die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie? Sie ist schon fast die Ausnahme. An ihre Stelle sind die Alleinerziehenden mit Kindern und Patchworkfamilien getreten. Und was wurde aus den Verwandten, auf die man im Bedarfsfall zurückgreifen kann? Die existieren oft nicht mehr. Oder sie wohnen Hunderte von Kilometern entfernt.


Auch das erhöht den Druck unter dem Berufstätige stehen. Denn wegen der fehlenden Unterstützungssysteme werden "oft schon Kleinigkeiten zu einem Stress verursachenden Problem", weiß die Wiener Managementberaterin Sabine Prohaska. Zum Beispiel das Paket, das abgeholt werden muss. Oder der angekündigte Besuch eines Handwerkers. Oder der pädagogische Tag im Kinderhort.


Work-Life-Balance-Konzepte greifen zu kurz

Auch Bernadette Imkamp, verantwortlich für das Gesundheitsmanagement bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall, ist überzeugt: Die veränderte Arbeitswelt ist nur einer von vielen Faktoren, die dazu führen, dass heute mehr Berufstätige unter einer großen psychischen Anspannung stehen. Deshalb griffen auch alle betrieblichen Work-Life-Balance-Konzepte zu kurz, die ihren Blick nur auf die Arbeitswelt richten. Ihr Ausgangspunkt müsse vielmehr sein: Wie leben die Mitarbeiter heute und mit welchen Anforderungen sind sie aufgrund ihrer Lebenssituation konfrontiert?


Dasselbe gilt für die Programme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch sie greifen laut Joachim Schön-berger, Präventionsexperte bei der Personalberatung Conciliat, Stuttgart, vielfach zu kurz, "weil sie den Fokus primär auf Familien und Alleinerziehende richten". Dabei stehen Singles oft sogar "stärker unter Strom" als stolze Väter und Mütter - "unter anderem, weil sie mehr Zeit in die Pflege eines Freundeskreises investieren müssen, der sie emotional trägt".


Dass vielen Berufstätigen ein soziales Unterstützungssystem fehlt, ist laut Schönberger "meist so lange kein Problem wie im Leben alles rund läuft". Doch wehe die Liebesbeziehung oder Ehe bricht auseinander. Oder der Lebenspartner erkrankt. Oder ein Elternteil wird zum Betreuungsfall. Dann geraten viele Berufstätige schnell an ihre Belastungsgrenze.


Individuelle Unterstützung ist nötig

Bei fast allen Burnout-Gefährdeten und -Geschädigten "hat die Überlastung auch private oder persönliche Gründe", betont denn auch die Beraterin Prohaska. Und nennt mehrere Beispiele. Da ist zum Beispiel die Controllerin bei einem Mobilfunkunternehmen, die seit Jahren unter Schlafstörungen leidet - auch weil sie nicht den gewünschten Lebenspartner findet. Oder da ist der Sales-Manager und Vater zweier Kinder, der meist nur am Wochenende zuhause ist, weshalb es in seiner Ehe kriselt. Oder da ist die Lehrerin, deren Mutter einen Schlaganfall erlitt und nun einer intensiven Pflege bedarf. Bei all diesen Personen hat die Überforderung auch berufliche Gründe, aber nicht nur.


Maßnahmen in Unternehmen

Diesen Zusammenhang haben viele Unternehmen erkannt. Deshalb bieten sie ihren Mitarbeitern ein immer breiteres Spektrum an Unterstützungsmaßnahmen an, um ihr Leben in Balance zu halten. Und viele machen sich auch gezielt Gedanken darüber, wie sie ihre Mitarbeiter entlasten können - zum Beispiel, wenn ein Elternteil zum Pflegefall wird. So existiert bei Schwäbisch Hall eine betriebliche Regelung, dass Mitarbeiter in solchen Situationen eine Auszeit von zwei Jahren und länger nehmen können. Und zunehmend findet man in den Weiterbildungsprogrammen der (Groß-)Unternehmen neben Stressmanagement-Seminaren auch Angebote, die darauf abzielen, die Widerstandskraft der Mitarbeiter zu stärken, damit aus dem "Gefordert-sein" nicht allzu schnell ein "Überfordert-sein" wird.


Über den Autor

Bernhard Kuntz ist Inhaber der PRofilBerater GmbH. Das Marketing- und PR-Büro unterstützt Bildungs- und Beratungsunternehmen beim Vermarkten ihrer Produkte und bei der Pressearbeit. Außerdem ist er Verfasser diverser Bücher zu den Themen Kundengewinnung und Pres-searbeit.

Weitere Artikel aus der Kategorie "Life"

career@office

Die Messe mit Kongress für Sekretärinnen und Assistentinnen

 

 

Ihre career@office 2019

07.05.2019: Frankfurt, Kap Europa

05.09.2019: Köln, Congress-Centrum Nord

Weiterbildung

Seminare für Office-Professionals

Starten Sie durch in Richtung Erfolg! Seminare, Kongresse und Fernlehrgänge von A wie Ablage bis Z wie Zeitmanagement.

OFFICE SEMINARE hat garantiert das richtige Weiterbildungskonzept für Ihre Bedürfnisse. www.office-seminare.de