Praxisleitfaden zu einer gendergerechten (und respektvollen) Kommunikation
Oft wird in Schreiben eine Formulierung wie „der Lesbarkeit halber verwenden wir die männliche Form, gemeint sind jedoch alle“ verwendet. Damit bist du doch aus dem Schneider, oder?
Bei der Anrede zählt das, was die Person wünscht
Wenn du eine dir unbekannte Person anschreibst, kannst du natürlich nicht wissen, welche Geschlechtsidentität sie besitzt. Und auch im persönlichen Gespräch ist es nicht immer leicht, da du deinem Gegenüber seine Geschlechtsidentität nicht ansehen kannst – und auch nicht immer weißt, wie offen die Person zu dieser Identität steht. In den meisten Fällen kannst du also nur spekulieren – und damit leicht in einem Fettnäpfchen landen. Um jemanden korrekt anzusprechen beziehungsweise anzuschreiben, musst du daher genau wissen, wie dieser Mensch angesprochen werden will. Der einfachste Weg, das zu erfahren: Frag die Person einfach direkt, indem du zum Beispiel sagst: „Wie darf ich dich ansprechen?“ Das geht nicht nur im 4-Augen-Gespräch, sondern auch in Schriftform.
Die verschiedenen Möglichkeiten der gendergerechten Sprache
Gendergerechte Sprache ist wichtig. Doch welche Möglichkeiten hast du, sie umzusetzen? Streng nach Duden bleibt dir wenig Spielraum. Das Regelwerk kommt mit den Entwicklungen der Sprache nicht so schnell mit. Es gibt keine offizielle Arbeitsgruppe, die sich damit beschäftigt, daher werden viele verschiedene Schreibweisen und Systeme parallel ausprobiert – zu viele, um sie alle in diesem Beitrag darzustellen. Ein kleiner Überblick gibt dir jedoch einen Eindruck davon, was gerade vorgeschlagen wird.
Gender-Sternchen, Gender-GAP, Gender-Doppelpunkt
Als kombinierte Schreibweise setzt sich das Gender-Sternchen immer mehr durch, auch wenn es noch nicht Bestandteil der amtlichen Rechtschreibung ist. Anders als das sogenannte Binnen-I wie bei „LehrerInnen“ signalisieren Gender-Sternchen (Lehrer*innen), Gender-Gap (Lehrer_innen) und der Gender-Doppelpunkt (Lehrer:innen) durch das Zeichen zwischen den Geschlechtsformen einen Raum zwischen den beiden Geschlechtern, in dem sich auch nicht-binäre Personen wiederfinden können. Um diesen Raum nicht nur in der Schriftform deutlich zu machen, kann er als kurze Pause gesprochen werden.
Diverse Anreden: 6 Tipps für Ihren Büroalltag
Damit sich nicht-binäre Menschen in und von Ihrem Unternehmen respektiert und wertgeschätzt fühlen, sollten Sie in Formularen, Stellenanzeigen, Korrespondenzen und persönlichen Gesprächen auf eine diverse Anrede achten. Auch aus juristischer Sicht ist es wichtig, non-binäre Personen adäquat zu adressieren. Nur so respektieren Sie sowohl das Persönlichkeitsrecht Betroffener als auch das Personenstandsrecht. Bis heute gibt es allerding nur allgemeine Empfehlungen und keine festen Regeln oder Gesetze für diese Anredeform. Im Folgenden finden Sie fünf Tipps, die Ihnen beim Umgang mit der Anrede „divers“ helfen können:
Tipp 1: Fragen Sie proaktiv nach, ob geschlechtsneutral, männlich oder weiblich
Wenn Sie es in Korrespondenz oder im Gespräch mit Personen einer non-binären Geschlechtsidentität zu tun haben oder zu tun haben könnten, dann fragen Sie nach, wie die Person angesprochen werden möchte.
Keine Sorge: Das ist keine Grenzüberschreitung, sondern signalisiert Ihrem Gegenüber, dass Sie sich für die Geschlechtsidentität interessieren und um eine inklusive Ausdrucksweise bemühen. Nur so können Sie herausfinden, ob eine Person sich die weibliche, männliche oder geschlechtsneutrale Anrede wünscht.
Sie können an der Stelle auch sicherstellen, dass Sie die korrekte diverse Anrede nutzen. Denn es gibt nicht nur eine Möglichkeit, eine eindeutige Geschlechtszuordnung in der Ansprache zu vermeiden.
Tipp 2: Vorname und Nachname nutzen
Eine von mehreren Möglichkeiten für die diverse Anrede ist es, schlichtweg mit Vornamen und Familiennamen zu arbeiten. Das ist die Option, die sich oftmals am einfachsten umsetzen lässt und von den meisten non-binären Personen gewünscht wird. Reden Sie also im persönlichen Gespräch von Kim Köhler anstelle von „Frau/Herr Köhler“. So können Sie im Gespräch eine geschlechtsneutrale Anrede sicherstellen.
Auch wenn Sie vor dem Verfassen eines Briefes nicht sicher sind, welche Anrede bevorzugt ist, können Sie auf den Vor- und Nachnamen zurückgreifen: „Herzlich willkommen, Kim Köhler“ wäre ein geschlechtsneutrales Beispiel. Im Briefkopf eines Geschäftsbriefs können Sie einfach das „Frau“ oder „Herr“ weglassen und nennen gleich den Namen gefolgt von der Adresse:
Tipp 3: Verzicht auf Pronomen wie „sie/er“ und „ihr/ihm“
Neben dem „Herr“ und „Frau“, gilt es bei der diversen Anrede auch auf Pronomen wie „sie/er“ oder „ihm/ihr“ zu achten. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, fragen Sie auch hier unbedingt nach.
Es ist allerdings nicht immer möglich, vorab das Pronomen zu klären. Dann haben Sie zwei Optionen:
| Informationen auf Social Media | Zum einen können Sie die relevante Information im Namen der Person auf Social Media (LinkedIn, XING, Twitter, Instagram) beziehungsweise auf Chatplattformen (Teams, Skype, Zoom) suchen: Lautet der Name „Kim Köhler (they/them)“ so ist die Person nicht-binär und wünscht eine diverse Anrede. „Kim Köhler (she/her)“ oder „Kim Köhler (he/him)“ hingegen zeigen, dass eine weibliche beziehungsweise männliche Anrede zutreffend ist. |
| Wiederholungen | Zum anderen bietet es sich auch hier an, Vornamen und Namen zu wiederholen. So lässt sich beispielsweise der Satz: „Kim Köhler wird mit Ihnen gemeinsam ein Bewerbungsgespräch durchführen. Im Anschluss gibt er/sie Ihnen eine Führung durch das Unternehmen“ ganz simpel auch ohne das Pronomen formulieren: „Kim Köhler wird mit Ihnen gemeinsam ein Bewerbungsgespräch durchführen. Im Anschluss gibt Ihnen Kim Köhler eine Führung durch das Unternehmen“. |
Tipp 4: Gendersternchen oder Gap – ungewohnt, aber wirksam
Eine weitere Herausforderung bei der diversen Anrede stellt die Formulierung von Begrüßungsformeln dar. Das herkömmliche „Liebe/sehr geehrte Frau Köhler“ beziehungsweise „Lieber/sehr geehrter Herr Köhler“ schließt nicht-binäre Personen aus. Für die weniger höfliche Form lässt sich erneut eine Umformulierung mithilfe des Vornamens vornehmen: „Guten Tag Kim Köhler“.
Aber für die förmliche diverse Anrede bleibt keine andere Möglichkeit, als mit speziellen Symbolen zu arbeiten: Entweder greifen Sie dabei auf das Gendersternchen zurück: „Sehr geehrte*r/Liebe*r Kim Köhler“. Oder Sie nutzen den sogenannte Gendergap: „Sehr geehrte_r/Liebe_r Kim Köhler“. Das Sternchen empfinden die meisten als einfacher zu lesen, weshalb es etwas öfter Verwendung findet – die Entscheidung bleibt Ihnen überlassen
Tipp 5: Geschlechtsneutrale Worte nutzen – werden Sie kreativ
Vor allem bei E-Mails, Briefen, Schreiben, Stellenanzeigen oder Formularen, die sich an einen größeren Personenkreis richten, können nicht-binäre Menschen unter den Adressaten sein. Daher besteht der Anspruch, diese Schreiben immer auch mit einer diversen Anrede zu versehen. Adressieren Sie daher beispielsweise eine Mail nicht an alle „Kolleginnen und Kollegen in der Vertriebsabteilung“, sondern an alle „Mitarbeitenden im Vertrieb“ oder an das „Vertriebsteam“.
Wie in diesem Beispiel gibt es noch zahlreiche andere geschlechtsneutrale Begriffe für ein und denselben Adressatenkreis:
| Besser so | Lieber nicht |
| Führungskraft | Chef/Chefin |
| Personalleitung | Personalleiter/Personalleiterin |
| Bewerbende | Bewerber/Bewerberinnen |
Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Mit etwas Fantasie finden Sie meist immer ein geschlechtsneutrales Synonym. Trauen Sie sich also ruhig, kreativ zu werden.
Tipp 6: Das Del-On-Sel-System
Was bei den kombinierten Schreibweisen und vielen Ansätzen mit geschlechtsneutralen Endungen noch offen bleibt, ist die Frage nach dem Artikel (der, die, das). Dieser Frage nimmt sich das Del-On-Sel-System an. In diesem System wird statt der/die/das „del“ verwendet, Substantive erhalten die Endung „on“ und verschiedene Pronomen werden durch „sel“ ersetzt. Demnach hieße es beispielsweise „del Lehreron“.
Das steckt hinter Neopronomen
Nicht nur die Artikel, auch die Pronomen verdienen einen zweiten oder dritten Blick. Er/sie/es sind bekannt, aber sind nicht-binäre Menschen „es“?
Die Antwort auf diese Frage ist noch offen und wird mit Sicherheit sehr individuell ausfallen. Derzeit im Gebrauch sind unter anderem diese Neopronomen:
- as (basierend auf „es“, aber vom Sächlichen unterschieden)
- dey (basierend auf dem englischen im Singular verwendeten “they”)
- em
- er_sie, ersie, er:sie, er*sie (kann sie und/oder er sein)
- hän/hen (übernommen aus dem Schwedischen/Norwegischen)
- iks (Abwandlung von x)
- k
- nin
- per (neutral, von „Person“)
- sier, sie_er, sie_r, si_er, sier, si:er, sier (kann sie und/oder er sein)
- sif (kann sie und/oder er sein)
- they (aus dem Englischen)
- xier/xies/xiem/xien/dier (geschlechtsunabhängig)
- z, zet (kann sie und/oder er sein)
Fazit: Genderneutrale Anrede – auf Individual- und Unternehmensebene
Auch in Ihrem Unternehmen kann es Menschen geben, die sich weder als männlich noch als weiblich identifizieren. Damit sich diese Personen akzeptiert und wertgeschätzt fühlen, sollten Sie auf eine diverse Anrede achten. Sei es im persönlichen Gespräch und Schriftverkehr mit einer nicht-binären Person oder in Formularen, E-Mails und Briefen an das gesamte Unternehmen – mit den passenden Tricks können Sie eine nicht-diskriminierende Sprache sicherstellen.
In der Ansprache von Einzelpersonen gilt es beispielsweise, Vornamen und Namen zu nutzen und Pronomen wegzulassen. Um das gesamte Unternehmen anzusprechen, greifen Sie auf geschlechtsneutrale Anreden zurück oder ziehen Sie Gendersternchen- beziehungsweise den Gendergap in Betracht. Scheuen Sie sich nicht, non-binäre Mitarbeitende bezüglich ihrer Pronomen direkt anzusprechen und nachzufragen.