Schöner scheitern: Warum wir Fehler als Entwicklungschance begreifen sollten

Schöner scheitern: Warum wir Fehler als Entwicklungschance begreifen sollten

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Innovation braucht Mut und ein Klima, das Fehler als Lernchance begreift. In komplexen, unvorhersehbaren Zeiten werden Fehlversuche in der Arbeitswelt zur Normalität. Ein Plädoyer für Entwicklung, Fortschritt und Wachstum.

In der Arbeitswelt werden Fehler gerne vertuscht, Scheitern gilt oft noch als inakzeptabel. In jungen Unternehmen hingegen werden Fehler als Entwicklungschancen gesehen. Dort inspirieren Geschichten von bekannten Personen, die vor dem Durchbruch ihres Unternehmens gescheitert sind. So erging es auch Max Levchin, einem Serien-Entrepreneur mit ukrainischen Wurzeln.

Die erste Firma, die er gründete, scheiterte mit einem großen Knall. Die beiden nächsten Firmen scheiterten auch, nur nicht ganz so dramatisch. Die vierte wäre beinahe nicht gescheitert, die fünfte war PayPal – ein grandioser Erfolg.

Es gibt Unternehmen, die Bewerbende bevorzugen, die schon einmal gescheitert sind. Dort weiß man um den Wert dieser Erfahrung. In gescheitert steckt nämlich gescheiter.

Fehler normalisieren

Zu einer fehlertoleranten Lernkultur gehört auch Sprachfreundlichkeit. Annehmbare Worte für Fehler: Lapsus, Panne, Schnitzer, Anlaufschwierigkeit, Kinderkrankheit, Ersterfahrung, Fehleinschätzung, Schwachstelle, Sackgasse, Trugschluss, Übersehen, Irrtum.

Solche Formulierungen schützen vor dem Gefühl des Versagens und machen Missgriffe verzeihlich. Wem etwas schiefgeht, der braucht keinen Anpfiff, sondern Trost und Ermunterung. Meist sind wir ja erst auf dem Weg zur Könnerschaft. Kaum etwas funktioniert aus dem Stand heraus und auf Anhieb. Verschiedenes muss ausprobiert werden, und dabei sind Fehlversuche normal.

Wir korrigieren unsere anfängliche Meinung, probieren immer weiter, entdecken neu. So wird das Straucheln zu einem Überarbeiten von Möglichkeiten.

Mut zum Ausprobieren

„Wenn wir nicht genügend Fehler machen, heißt das, dass wir nicht genügend neue Dinge ausprobieren“, sagt Philip Knight, Gründer der Lifestyle-Marke Nike. Anfängern dürfen natürlich mehr Fehler passieren als Profis. Niemand ist gleich vom Start weg perfekt. Stolpern gehört zum Laufenlernen dazu.

Schließlich stellt sich die Frage: Ist das dem Fehler zugrundeliegende Problem kompliziert oder komplex? Bei komplizierten Problemen lassen sich Prozesse über feste Routinen in Richtung Fehlerlosigkeit bringen. Bei komplexen Problemen ist genau das nicht möglich. Sie verlangen zwar Rahmenbedingungen, aber auch Spielraum und freie Bahn.

Wer sich schnell verbessern will, braucht eine fehlertolerante Lernkultur. Dabei hilft folgender Punkt auf der Meeting-Agenda: „Welche Erfahrungen ich gemacht habe, die sich alle ersparen können.“ So hilft jede erzählte Geschichte dabei, genau die Fehler zu vermeiden, die andere schon hinter sich haben. Zudem weiß jeder sogleich: Das wird uns hier nie wieder passieren.

Werden Fehler hingegen verschleppt, wird aus einem Mini- ein Maxiproblem. So entstehen am Ende dann „Großbaustellen“.

Diese 3 Fehlertypen gibt es…

Auf dem Weg zu einer fehlertoleranten Lernkultur gilt es zunächst, die Fehlerkategorien einmal grundsätzlich zu analysieren. Davon gibt es drei:

Fehlertyp 1: Das sind Fehler, die zu einer Katastrophe führen können, weil es beispielsweise um die Sicherheit von Menschen, um Finanzzahlen, um die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften oder das perfekte Funktionieren eines Produktes geht. Solche Fehler gehören etwa auch zur Normwelt von Industrieunternehmen mit großen Stückzahlen, Massenproduktion und Gleichförmigkeit. Bei diesem Fehlertyp sind feste Prozesse, vordefinierte Abläufe und penible Kontrollmechanismen unverzichtbar.

Fehlertyp 2: Das sind Fehler, die beim Erschaffen von Neuerungen entstehen, etwa bei Produkten, Services und Lösungen rund um Kundenbedürfnisse und die moderne Arbeitswelt. Hier gilt es, Fehlentwicklungen früh zu identifizieren, viel zu testen und anhaltend zu experimentieren, in dem Wissen: Innovationen sind ergebnisoffen, sie beinhalten die Option des Scheiterns, erfordern kleine erste Schritte, verlangen Mut, Frustrationstoleranz, Anpassungsvermögen und psychologische Sicherheit. Nicht die Fehler im Entstehungsprozess sind hier die größte Gefahr. Die größte Gefahr ist die, dass das Unternehmen irrelevant wird, weil die Mitarbeitenden sich nichts trauen.

Fehlertyp 3: Das sind Absicht, Nachlässigkeit und Schlamperei. Derartige Fehler dürfen nicht toleriert werden. Sie erfordern angemessene Konsequenzen – als Botschaft an die Verursachenden – und an alle, die dabei zuschauen.

Zum Weiterlesen…

Bahn frei für Übermorgengestalter, von Anne M. Schüller, Gabal Verlag, 216 Seiten, 24,90 Euro

ANNE M. SCHÜLLER, AUTORIN UND BUSINESSCOACH

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