Warum Loslassen wichtig ist und wie daraus stärkere Ziele entstehen

Warum Loslassen wichtig ist und wie daraus stärkere Ziele entstehen

© Alienmarsh/AdobeStock
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Durchhalten, dranbleiben, nicht nachlassen? Manchmal kann uns verbissenes Kämpfen eher schaden als nützen. Wann es sinnvoll ist, ein Vorhaben bewusst aufzugeben und was daraus entstehen kann, erklärt eine Expertin. Inklusive Fragen zum Selbstcoaching.

Gute Vorsätze sind gerade in den ersten Monaten des Jahres beliebt: im neuen Job durchstarten, eine große Reise erleben, das Projekt durchziehen oder endlich jeden Tag Sport machen. Wir setzen uns Ziele und mit einer klaren Vision, viel Disziplin und ausreichend Kraft erreichen wir sie – oder?

Gerade im Assistenzalltag können hohe Erwartungen, wechselnde Prioritäten und persönlicher Anspruch aufeinanderprallen. Immer mal wieder die eigenen Ziele zu hinterfragen, kann dabei helfen, Klarheit zu gewinnen, bewusste Entscheidungen zu treffen und Raum sowie Ressourcen für Neues zu schaffen. Doch wann ist es Zeit, ein Vorhaben loszulassen? Wie gelingt es, ohne an sich zu zweifeln? Und wie kommunizieren wir das souverän nach außen?

Warum es so schwer ist, Pläne aufzugeben

Oft geht es in Coachingprozessen darum, Ziele zu erreichen. Dennoch kommt auch die „umgekehrte“ Frage, wann wir loslassen dürfen, erstaunlich oft vor. Coachin, Trainerin und Autorin Claudia Pusch erlebt in ihrer Arbeit häufig, dass Menschen nicht daran scheitern, wie sie ein Ziel erreichen, sondern daran, ob sie es überhaupt weiterverfolgen sollten. Viele ihrer Klientinnen stehen vor einem inneren Dilemma: „Menschen spüren oft sehr klar, dass etwas nicht mehr gut tut – aber sie wollen es trotzdem nicht ganz aufgeben.“

Typische Beispiele reichen vom Verbleiben in einem ungesunden Arbeitsumfeld über große berufliche oder private Entscheidungen bis hin zu Lebensstilthemen. Manche haben einen ausgeklügelten Plan für ihr Vorhaben, setzen es aber einfach nicht um, ohne genau zu wissen, was sie daran hindert. Besonders wirksam seien deshalb Methoden, um die inneren Konflikte sichtbar zu machen, etwa durch Gewinn-Verlust-Abwägungen oder das Arbeiten mit Dilemmata. Denn häufig verhindern Denkfallen, Glaubenssätze und negative Gefühle rund um Durchhaltevermögen und Pflichtgefühl das Loslassen: z. B. der Anspruch, verlässlich zu sein oder Erwartungen von außen erfüllen zu müssen, Scham- und Schuldgefühle oder Versagensängste. Und nicht zuletzt die bekannte Sunk Cost Fallacy: die (falsche) Überzeugung, zu viel investiert zu haben, um jetzt aufzugeben. „Dass man schon viel investiert hat, heißt nicht, dass man weitermachen muss“, gibt Claudia Pusch zu bedenken.  

Woran wir ein sinnlos gewordenes Ziel erkennen

Ein wichtiger Indikator, um zu erkennen, dass wir in puncto Zielerreichung auf dem Holzweg sind, ist der körperliche Zustand. Wenn anhaltende Stresssymptome auftreten – Schlafprobleme, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit –, sei das ein ernstes Warnsignal, so Claudia Pusch. Auch die emotionale Verbindung zum Ziel spielt eine zentrale Rolle. „Wir brauchen Emotionen, um Ziele zu verfolgen. Wenn nichts in uns in Bewegung kommt, bewegen wir uns selbst auch nicht“, sagte die Coachin. Fehlt die innere Anziehung völlig, wird jede weitere Anstrengung schwer, zäh oder frustrierend. Gerade im Arbeitsalltag kann das passieren, z. B. wenn Projekte nur noch „abgearbeitet“ werden, ohne dass wir den Sinn spüren. Das bedeutet jedoch nicht, sofort alles fallen lassen zu müssen, aber unbedingt innezuhalten und zu prüfen, ob und wie es weitergehen kann. Denn auch eine Anpassung des Ziels kann sinnvoll sein: Erwartungen lockern, den Umfang ändern oder es situativ neu justieren.

Sie haben ihr Ziel nicht erreicht!

Wer überlegt, ein Ziel aufzugeben, erlebt häufig unangenehme Gefühle: Versagensangst, Scham oder die Befürchtung, ausgeschlossen zu werden. Diese Emotionen seien normal und Teil jeder Veränderung, so Claudia Pusch. „Das schlechte Gewissen ist oft nur ein Zeichen dafür, dass wir gerade unsere Muster verlassen.“ Im Coaching werde daher zuerst benannt, was eigentlich befürchtet wird: Das An- und Aussprechen der Ängste und Emotionen wirkt bereits regulierend.

Entscheidend ist anschließend eine selbstfreundliche Haltung, das heißt, Selbstkritik so wenig Raum wie möglich zu geben und die eigene Entscheidung bewusst zu würdigen. Ein Realitätscheck hilft ebenfalls: Ist es angemessen, sich als Versagerin zu bezeichnen, nur weil wir vom ursprünglichen Plan abweichen? Wichtig ist außerdem, dass die Entscheidung gut durchdacht wird, denn dann können wir sie innerlich tragen, statt weiter zu grübeln.

Was entsteht, wenn wir loslassen

Wer bewusst loslässt, schafft Klarheit, Raum für Alternativen und macht Ressourcen frei. Entscheidend ist die Frage: Wie wird es mir mit dieser neuen Möglichkeit gehen? „Oft entsteht neue Anziehung erst, wenn wir ein altes Bild loslassen und ein neues bewusst aufladen“, sagt Claudia Pusch. Auch Erlaubnissätze unterstützen den Prozess: „Ich darf Nein sagen“, „Ich darf zu mir stehen“ oder „Ich habe viel gelernt, auch wenn ich das Ziel nicht erreicht habe“. Dadurch rückt nicht der Verlust in den Fokus, sondern das, was bleibt und was sich entwickelt hat.

Lösungsorientierte Fragen stärken zudem Ressourcen: Welche Fähigkeiten habe ich auf dem Weg aufgebaut? Wer hat mich unterstützt? Welche Kompetenzen sind jetzt sichtbar? „Nicht alles war vergeblich – auch ein abgebrochenes Ziel hinterlässt Kompetenzen und Erkenntnisse“, so die Coachin.

Eine bewusste Entscheidung lässt sich gut vermitteln. Wir können transparent machen, welche Überlegungen dahinterstehen, welche Warnsignale wir ernst genommen haben und wie wir uns neu ausrichten. Das gilt auch im Arbeitsleben: Im Gespräch mit Führungskräften oder mit dem Team ist Klarheit entscheidend. Wer zeigen kann, dass ein Zielwechsel nicht impulsiv, sondern reflektiert erfolgt, wirkt nicht unzuverlässig, sondern verantwortungsbewusst.