Selbst-Reinvention im Job: Karriere strategisch neu gestalten
Wer sagt eigentlich, dass ein Lebenslauf einer klaren Linie folgen muss? Noch immer hält sich die Vorstellung, Karriere bedeute Planung und möglichst wenige Brüche. Doch diese Logik stammt aus einer Arbeitswelt, die es so kaum noch gibt. Heute sind Rollen fluider, Branchen verändern sich schneller – und berufliche Identität ist weniger ein festes Ziel als ein Prozess.
Warum Klarheit erst im Tun entsteht
Genau hier setzt auch die Forschung von Herminia Ibarra an, die als Professorin für „Organisational Behaviour“ an der London Business School tätig ist.
Sie zeigt: Wer sich beruflich neu erfindet, tut das selten durch einen großen, einmaligen Schnitt. Vielmehr entsteht Veränderung Schritt für Schritt – durch Ausprobieren, neue Erfahrungen und das bewusste Verlassen vertrauter Rollen.
Statt erst Klarheit zu haben und dann zu handeln, funktioniert es oft umgekehrt: Klarheit entsteht im Tun. Neue Kontakte, Projekte oder Nebenwege helfen dabei, eine neue berufliche Identität überhaupt erst zu entwickeln.
Das widerspricht der klassischen Idee, man müsse seinen Weg von Anfang an kennen. In Wahrheit sind es gerade die Umwege, die Perspektiven erweitern – und langfristig zu besseren Entscheidungen führen.
Wer sich erlaubt, nicht alles im Voraus zu wissen, gewinnt Spielraum. Oder anders gesagt: Die Fähigkeit zur Selbst-Neuerfindung ist weniger ein radikaler Neustart als eine Serie bewusster, oft kleiner Kurskorrekturen.
Ein kunterbunter Lebenslauf
Wie sich das konkret anfühlen kann, beschreibt Katja von Glinowiecki. Sie ist seit 18 Jahren selbstständig und hat – wie sie selbst sagt – einen kunterbunten Lebenslauf: vom Au Pair über die Aktivistin im Naturschutz bis hin zur Karrierefrau auf verschiedenen Kontinenten.
Nach Stationen im Management und HR – zuletzt in Shanghai – stand sie nach der Geburt ihres ersten Kindes und der Rückkehr nach Deutschland vor der Frage, wie es beruflich weitergehen sollte.
Statt in eine klassische Festanstellung zurückzukehren, begann sie, über Alternativen nachzudenken. Der Schritt in die Selbstständigkeit war jedoch alles andere als selbstverständlich: „Kann ich das? Habe ich genug Wissen? Bin ich zu jung, zu alt?“ Diese Zweifel waren da – wie bei so vielen, die über einen Neuanfang nachdenken.
Heute weiß sie: Solche Fragen gehören dazu. Entscheidend ist, ihnen nicht zu viel Gewicht zu geben und sich davon nicht ausbremsen zu lassen.
So entschied sie sich für den nächsten Schritt und machte sich zunächst als Trainerin und später als Coach selbstständig.
Rückblickend sagt sie auch aus interkultureller Perspektive:
Ich glaube, es ist etwas sehr Deutsches, zu denken: Nur wenn ich eine Ausbildung in einem bestimmten Bereich habe, kann ich das auch.
Flexibilität statt Fünfjahresplan
Entscheidend war für sie auf ihrem Berufsweg weniger die perfekte Vorbereitung als das Umfeld. „Was immer wieder sehr wichtig war, war das Vertrauen, dass ich das schaffe.“ Ein unterstützendes Netzwerk habe ihr geholfen, diesen Weg zu gehen. Gleichzeitig hat sich ihr Blick auf Karriere grundlegend verändert: „Es gibt ja diese berühmte Frage in Vorstellungsgesprächen: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Ich bin entsetzt, dass diese Frage immer noch so gestellt wird.“ Dahinter stehe eine Vorstellung von Planbarkeit, die nicht mehr in unsere heutige Zeit passe. Stattdessen hat sie gelernt, mit Offenheit nach vorne zu schauen: „Ich habe keine Ahnung, was in fünf Jahren sein wird – das ist für mich super spannend.“
Für sie ist genau diese Haltung zentral geworden: „Flexibel zu bleiben, nicht alle Schritte zu kennen, ist eine große Stärke.“
Strategie statt Zufall
Für Dorie Clark haben berufliche Kurswechsel auch eine strategische Bedeutung: „Ich hatte 2001 eine wichtige Erkenntnis, als ich als Journalistin arbeitete.“ Nach den Ereignissen vom 11. September verlor sie unerwartet ihren Job. Das machte ihr bewusst, wie fragil das Leben ist – und wie wichtig es ist, sich auf Unvorhergesehenes vorzubereiten. „Man darf sich nie zu sehr auf eine einzige Sache verlassen. Das ist eine strukturelle Schwachstelle.“ Clark ist überzeugt, dass ein vielfältiges Portfolio entscheidend ist, um sich gegen unerwartete Entwicklungen abzusichern.
Diese Haltung prägt auch ihren eigenen Werdegang:
Sie studierte Philosophie und Theologie, arbeitete als politische Journalistin, leitete eine Non-Profit-Organisation und gründete später ihr eigenes Beratungsunternehmen. Heute ist sie als Autorin, Keynote-Speakerin und Dozentin tätig – und entwickelt parallel immer neue Projekte, vom Schreiben weiterer Bücher bis hin zu einem Musical. Ihre Karriere verläuft nicht geradlinig, sondern bewusst vielschichtig – als Ausdruck strategischer Weitsicht statt Zufall.