Recruiting mit KI: So werden Arbeitgeber heute gefunden
Noch wähnen sich viele Unternehmen mit klassischen Recruiting-Methoden auf der sicheren Seite. KI-gestützte Systeme ändern allerdings das Suchverhalten von Bewerbenden und die Sichtbarkeit von Arbeitgebenden. Eine Expertin berichtet aus der Praxis und gibt Tipps.
Jobsuche funktioniert jetzt anders
Suchanfragen im Internet enden heute in etwa 60 Prozent der Fälle ohne Klick auf ein Ergebnis – das besagt eine Studie des Beratungsunternehmens Bain & Company. Selbst eine gute Platzierung nutzt daher wenig, denn die KI-Zusammenfassung steht z. B. bei Google an erster Stelle – noch vor den Suchergebnissen.
Beschäftigte nutzen bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz inzwischen direkt KI-gestützte Systeme. Damit können sie potenzielle Arbeitgebende miteinander vergleichen.
In der Vergangenheit wurden vor allem Angebote in Stellenanzeigen durchsucht und die Angaben auf Bewertungsportalen abgeglichen. Häufig hinterlassen Menschen eine Bewertung jedoch nur, wenn sie sehr begeistert oder absolut enttäuscht worden sind. Negative Eindrücke entstehen meist, wenn Unternehmen ihre Versprechen nicht einhalten.
Es gibt Fachleute, die Stellenbörsen daher ein baldiges Ableben prophezeien. Ganz so schnell wird deren Ende sicher nicht kommen. Sicher ist aber: KI verändert nicht nur Jobprofile und den Arbeitsmarkt – sondern auch die Art und Weise, wie Jobsuche grundlegend funktioniert.
KI prüft Plausibilität
Mithilfe KI-gestützter Systeme gehört die bisherige, oftmals feinteilige Suche und individuelle Bewertung einzelner Unternehmen der Vergangenheit an. Interessenten überlassen der KI die Suchaufgabe.
Diese Systeme können nicht nur Inhalte von Stellenanzeigen und Bewertungsportalen analysieren, sondern finden auch Bewertungen abseits offizieller Unternehmensdarstellungen – etwa in sozialen Netzwerken oder in weniger sichtbaren Bereichen des Internets.
Unternehmen, die weiterhin den Schwerpunkt auf klassische Stellenanzeigen legen, gehen damit ein Risiko ein.
„Im KI-Zeitalter verschiebt sich die Aufmerksamkeit weg von der Hochglanz-Selbstdarstellung hin zur Auffindbarkeit und Plausibilität von Informationen über das ganze Netz“, sagt Lisa Catena Gyger, Unternehmensberaterin und KI-Expertin.
Gerade jüngere Zielgruppen nutzen ChatGPT und Co. als Suchmaschine – auch bei der Jobsuche. Solche Systeme gewichten stark Verständlichkeit, Kontext und Vertrauen und setzen Aussagen automatisch in Beziehung zu dem, was sie anderswo finden.
Entscheidend ist, ob die Eigendarstellung eines Unternehmens übereinstimmt mit:
- LinkedIn-Profilen von Mitarbeitenden
- Team-Storys
- Medienbeiträgen
- Bewertungen auf Plattformen wie Kununu oder Glassdoor
Damit wird die Stellenanzeige nicht obsolet, aber sie ist nur noch ein Baustein in einem Netzwerk aus glaubwürdigen, gut strukturierten Informationen, das KI-Tools bevorzugt ausspielen.
Wettbewerbsfaktor Vertrauen
Das Bewusstsein für den Einsatz von KI-Systemen bei der Stellensuche ist in vielen Unternehmen noch wenig ausgeprägt. Sie vertrauen weiterhin auf klassische Recruiting-Instrumente.
Unternehmen orientieren sich noch an alten Erfolgsmodellen und messen Wirkung vor allem an Klicks und Bewerbungen aus Online-Jobbörsen – nicht daran, wie KI ihre Arbeitgeberinformationen zusammenfasst und bewertet.
(Lisa Catena Gyger)
Hinzu kommt eine verbreitete Fehlannahme: KI betreffe nur große Tech-Firmen. Dabei nutzen Arbeitssuchende diese Technologien längst im Alltag.
Oft fehlt es in Unternehmen an:
- internem Wissen
- klaren Strategien
- KI-optimierten Inhalten
„Viele unterschätzen, wie stark inkonsistente Aussagen zwischen Website, LinkedIn und Bewertungsportalen Vertrauen kosten, wenn KI diese Quellen vergleicht“, so die Expertin.
Und weil der Druck kurzfristig noch nicht überall spürbar ist, wird das Thema oft zurückgestellt – und als Wettbewerbsfaktor unterschätzt.
Employer Branding wird Pflicht
Um sichtbar zu bleiben, müssen Unternehmen ihre Recruiting-Prozesse anpassen.
Lisa Catena Gyger betont: Selbst 60-Jährige informieren sich online über Arbeitgeber, die jüngere Generation fast ausschließlich.
„Employer Branding ist kein ‚nice to have‘ mehr, sondern ein ‚must have‘. Eine starke Arbeitgebermarke – untermauert mit echtem Vertrauen im Netz – ist heute wichtiger denn je.“
2 Chancen für kleine Unternehmen
Lisa Catena Gyger zeigt, welche Chancen KI-gestütztes Recruiting bietet – besonders für kleinere Unternehmen:
Chance #1: Sichtbarkeit erhöhen
KI-Suchsysteme erstellen ein Gesamtbild aus vielen Quellen:
- Stellenanzeigen
- Karriereseiten
- Medienbeiträge
- Social-Media-Inhalte
- Profile von Mitarbeitenden
- Bewertungen auf Plattformen
Sie erkennen Muster in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Konsistenz.
Unternehmen haben die Chance, sichtbar zu werden, wenn ihre Informationen:
- klar
- aktuell
- konsistent über verschiedene Kanäle hinweg sind
Besonders wertvoll sind dabei authentische Stimmen und Bewertungen von Mitarbeitenden.
Chance #2: Vertrauen zählt
Für weniger bekannte Arbeitgeber ist das eine große Chance: Wer saubere und konsistente Grundlagen liefert, kann von KI gut gefunden und empfohlen werden – auch ohne großes Werbebudget.
So können:
- Hidden Champions
- spezialisierte Nischenanbieter
in Suchergebnissen nach oben rücken, weil Relevanz stärker gewichtet wird als Bekanntheit.
So geht’s: Stellensuche mit KI
Der Suchmaschinenanbieter Google hat die Möglichkeit eingeführt, eine KI-geführte Suche mit Gemini als eigenständige Suche durchzuführen („AI Mode“). Dadurch entfällt der Wechsel zu externen KI-Anbietern.
Die KI-Suche kann gezielt nach Berufsbildern suchen und dabei Kriterien berücksichtigen wie:
- Gehalt
- Arbeitszeit
- Standort
Sogar der eigene Lebenslauf kann hochgeladen werden, sodass persönliche Stärken direkt mit passenden Angeboten abgeglichen werden.
Die Ergebnisse enthalten:
- eine Zusammenfassung relevanter Stellen
- direkte Links zu den Angeboten
Nutzer müssen sich damit deutlich weniger Gedanken über die Recherche auf einzelnen Plattformen machen.
Am Ende bietet die KI sogar Unterstützung an, zum Beispiel:
„Soll ich für Sie eine kurze E-Mail-Vorlage für eine Bewerbung erstellen?“