Office Stars

Unsere Office Stars berichten von ihren erfolgreichsten Karrieretipps

Beruflicher Erfolg schreibt sich für jeden Menschen anders: Für den einen bedeutet Erfolg selbstbestimmtes Arbeiten oder Personalverantwortung für den anderen Wertschätzung durch Kolleg*innen oder den bzw. die Vorgesetzte. Andere wiederum empfinden sich als erfolgreich, weil sie besonders viele Zusatzqualifikationen haben oder für ein besonders renommiertes Unternehmen arbeiten.

Wir sprechen über Werdegang und Karriere

working@office hat unzählige Sekretärinnen und Sekretäre getroffen und über ihren ganz persönlichen Werdegang und Karriere gesprochen.

Ihnen allen gemein ist die Leidenschaft fürs Organisieren, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, immer einen Schritt mehr zu gehen als nötig. Außergewöhnliche Frauen im Office-Management und deren Erfolgsrezepte, Interessen und Ansichten lernen Sie bei uns kennen.

Aus der Backstube ins Backoffice – Role Model Antje Miesel

Porträt von Antje Miesel im blauen Blazer
© Robert Haas

Die Executive Assistant liebt Herausforderungen und Neuanfänge. Beim
Automobilzulieferer Webasto in Stockdorf bei München ist sie damit genau richtig: Eine vakante Stelle in Hiroshima ging an sie. Es wurden zwei aufregende Jahre – und eine Schule fürs (Arbeits)Leben.

© MARTIN LEISSL

Würde eine Berufsberaterin nach einer Vorzeigekarriere im Assistenzberuf suchen, dann dürfte sie bei Antje Miesels Werdegang vor Begeisterung in die Hände klatschen. Wow, was in diesem Beruf alles möglich ist! Umstieg von einem Handwerksberuf als Bäckerin, Sprachen als Sprungbrett in ein globales Arbeitsumfeld, Jobstationen, die sie Schritt für Schritt vorangebracht haben – bis zu ihrem heutigen Arbeitgeber, dem sie im Oktober dieses Jahres seit 15 Jahren die Treue hält.

Der deutsche Automobilzulieferer Webasto ist auf Autodächer spezialisiert. Entwickelt und produziert werden Schiebedächer, Panoramadächer und andere innovative Dachsysteme sowie Lösungen für die Elektromobilität.

Die Branche ist im Umbruch. Weitblick ist gefragt, genauso wie mutige Entscheidungen und Investitionen in das eigene Know-how. Der Lebenslauf von Antje Miesel folgt einem ähnlichen Grundmuster. Das ist es wohl, was es der 45-Jährigen möglich machte, die vielen Optionen des Assistenzberufs auszuloten, inklusive eines Spezialauftrags in Japan.

Team-Gefühl im Open Space

Seit Oktober 2024 ist Antje Miesel zurück aus Hiroshima, aus einer geschichtsträchtigen japanischen Metropole mit über einer Million Einwohnern. Stockdorf, wo das internationale Unternehmen Webasto SE sein Headquarter hat, meldet rund 4000 Einwohner. Als Ortsteil der Gemeinde Gauting liegt es mitten im Starnberger Fünfseenland. Webasto ist einer der größten Arbeitgeber in der idyllischen oberbayerischen Region.

Der moderne Bürokomplex, in dem aktuell etwas über 700 Mitarbeitende tätig sind, ist ausschließlich Verwaltungs- und Entwicklungsstandort. Das nächstgelegene Werk befindet sich rund 20 Minuten entfernt. „Wir veranstalten oft unsere Workshops dort, damit wir näher am Produkt sind“, erzählt Assistentin Antje Miesel. Aber auch die großzügige Office-Landschaft im Headquarter weiß sie zu schätzen, vor allem nach ihrer Zeit am Webasto-Standort in Hiroshima.

Platz ist in der Millionenmetropole ein knappes Gut. „Wir arbeiten hier im Open Space, mit gut ausgestatteten Arbeitsbereichen und Thinktanks drumherum. Ich sitze mitten in meinem Team, da geht viel auf Zuruf.“

Ihr Team besteht aus acht Personen, sechs Manager und zwei Assistentinnen, und kümmert sich um den Dach-Markt für Europa. Neben dem Vertrieb gehören die Bereiche Einkauf, Entwicklung und auch Personal Europa dazu. Antje Miesels Aufgaben sind einerseits das klassische Backoffice – Terminkoordination, Unterlagen vorbereiten und fristgerecht einreichen, Konferenzen organisieren, Anfragen aus den nachgelagerten Teams bearbeiten und beantworten –, andererseits verschiedenste Aufgaben mit Projektcharakter.

„Zum Beispiel übernehme ich es auch mal, einen Workshop vorzubereiten, inklusive Agenda und Struktur. Meine Vorgesetzten sind sehr offen für meine Ideen und Vorschläge.“ Einen Trainerschein habe sie gemacht, erzählt sie, „ich kann also beispielsweise auch selbst Trainings geben“.

Menschen zusammenbringen

Es wird einem etwas zugetraut hier, sagt die Assistentin, die in der R&D-Abteilung bei Webasto angefangen hat und sich in den Folgejahren intern weiterentwickeln konnte. „Als 2022 in Japan eine Stelle im Rahmen des Webasto Administrative System (WAS) besetzt werden sollte, habe ich mich für diese Aufgabe ins Gespräch gebracht.“

Das WAS-Programm hat zum Ziel, interne Prozesse effektiver zu gestalten, in den Werken und in der Verwaltung, und diese Verbesserungen möglichst an allen Standorten zu verankern – „kurz gesagt, wie können wir schneller, besser und agiler miteinander arbeiten“.

Im Team für die Asien-Pazifik-Region übernahm Antje Miesel die Aufgabe, zu koordinieren, zu coachen und zu trainieren: „Es ging darum, ein gegenseitiges Kulturverständnis zu schaffen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Tools an die Hand zu geben, gemeinsam Verbesserungen zu erarbeiten.“

Die Entscheidung, diese Herausforderung anzunehmen, fiel ihr nicht schwer. „Ich hatte schon länger einen Auslandsaufenthalt als Plan im Kopf“, sagt die geborene Chemnitzerin, die während ihrer zweiten Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin ein Praktikum in Spanien absolviert hatte und wusste, wie wertvoll solche Erfahrungen sein können.

Das Projekt in Japan war auf zwei Jahre befristet, danach würde sie an ihren Arbeitsplatz in Deutschland zurückkehren, und ihr Lebensgefährte ging mit ihr nach Hiroshima – „außerdem habe ich schon immer gern viel ausprobiert und bin risikobereit“.

Eine andere Fehlerkultur

Gute Voraussetzungen, und trotzdem war der Start auch eine echte Herausforderung, erinnert sie sich. „Ich hatte natürlich ein interkulturelles Training absolviert. Aber damit war ich ja noch keine Spezialistin für die einzelnen Länder. Ich musste erst einmal herausfinden, welche kulturellen Unterschiede es bei der Zusammenarbeit mit koreanischen, indischen und japanischen Kollegen gibt …“

Dass sie selbst zu keinem dieser Länder gehörte, sondern aus Deutschland kam, habe sicher geholfen, meint sie rückblickend, „andererseits bin ich eben auch von den bei uns üblichen Arbeitsweisen ausgegangen“.

Dort lief es anders. „Man merkt die kulturellen Unterschiede gerade in so einer Position schon deutlich.“ Die unterschiedlichen Arbeitsweisen waren eine Herausforderung: „Ich hatte den Eindruck, dass die Kollegen und Kolleginnen dort unbedingt alles richtig machen möchten. Sie riskieren keine Fehler und klären deshalb jedes Detail genauestens ab. Da musste ich mich schon umstellen.“

Starkes Gemeinschaftsgefühl

Zuhören können, ein tiefes Verständnis für das Gegenüber entwickeln, immer wieder Offenheit signalisieren – mit diesen Strategien habe sie es schließlich geschafft, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen.

„Mir ist es wichtig, dass auch mal jemand sagt: Hier bei uns funktioniert dieses oder jenes nicht, da brauchen wir Unterstützung. Das hat ein halbes Jahr gedauert und war ein wichtiger Wendepunkt.“ Von da an war es einfacher, und beide Seiten haben viel voneinander gelernt, sagt Antje Miesel.

„Was mich vielleicht am meisten beeindruckt hat, ist der Respekt füreinander, die gegenseitige Rücksichtnahme.“ Bei aller individuellen Zurückhaltung gebe es ein starkes Gemeinschaftsgefühl, „man sorgt sich um den anderen. Das ist mir sehr positiv aufgefallen“.

Im Friedenspark erinnert das Hiroshima Museum an das Schicksal dieser Stadt als Ziel einer Atombombe im Zweiten Weltkrieg, 1945. „Das Hiroshima von heute ist eine moderne, junge Stadt, die sich zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum Japans entwickelt hat“, schildert Antje Miesel ihre Eindrücke.

Ihr Fazit: „In der Arbeitswelt würde ich gern die Detailverliebtheit der Japaner und die Schnelligkeit unserer Arbeitsweise kombinieren. Die Japaner könnten etwas mehr Offenheit wagen, und wir sollten unbedingt etwas von dem Respekt füreinander und dem Gemeinschaftsgefühl übernehmen.“

Kollegialer Umgang

Zurück in Deutschland, in Stockdorf, ist sie nun wieder Teil ihres EU-Teams. Und dort erlebt sie genau das, was ihr in der Gesellschaft immer mehr fehlt. „Der kollegiale Umgang miteinander bei Webasto begeistert mich, das ist vielleicht der wichtigste Grund, warum ich so gern bleibe. Wenn mich hier jemand fragt, wie es mir geht, dann ist die Frage ernst gemeint, es gibt ein echtes Interesse aneinander.“

Dass sie als begeisterte Sportlerin den Firmenstandort inmitten von Bergen und Natur besonders schätzt, komme noch hinzu. „Wir haben außerdem eine ziemlich gute Kantine“, lacht sie, „und unsere offene Arbeitsatmosphäre macht auch viel aus.“

Ihr Traumberuf Nr. 1, das Backhandwerk, ist ihr als Leidenschaft fürs Brotbacken geblieben. „Aber wenn mir jemand aus meinem Team sagt, du hast immer eine Lösung, immer eine Idee, ohne dich wäre das Teamgefühl ein anderes, dann weiß ich, dass ich in meinem Traumberuf Nr. 2 angekommen bin.“