Der Petrodollar: Was steckt hinter der Öl-Währung?
„Stirbt der Dollar an der Straße von Hormus?“, fragte kürzlich das Wochenmagazin „Die Zeit“ und berichtete: „Die USA und der Iran kämpfen erbittert ums Öl, doch in Wahrheit steht mehr auf dem Spiel: das schärfste Machtinstrument, das Amerika je besaß.“ Gemeint ist das Petrodollar-System, laut Wallstreet Online „eines der mächtigsten und gleichzeitig unsichtbarsten Phänomene des globalen Finanzsystems“.
Wie der Petrodollar entstand
Was aber ist eigentlich der Petrodollar? Es gibt ihn seit den 1970er-Jahren. Seine Geschichte beginnt jedoch noch früher: Ende des Zweiten Weltkriegs war der US-Dollar im Rahmen des Bretton-Woods-Abkommens zum Anker des globalen Währungssystems mit festen Wechselkursen avanciert, der US-Dollar dafür an den Goldstandard gebunden, was ihn als Weltreservewährung festigte (siehe Kasten).
US-Präsident Nixon beendete 1971 die Verpflichtung der USA, 35 US-Dollar jederzeit in eine Feinunze Gold zu tauschen – was zu einem Vertrauens- und damit Wertverlust des Dollars führte. „Der Dollar verlor damit über Nacht seine Funktion als Anker für die anderen Währungen“, berichtete die SZ über den Move, der als sogenannter Nixon-Schock in die Wirtschaftsgeschichte einging.
Um die internationale Nachfrage nach dem Dollar dennoch zu sichern, entstand wenig später eine enge energiepolitische Verbindung zwischen den USA und Saudi-Arabien. Das Prinzip: Saudi-Arabien und später auch andere OPEC-Staaten verkauften ihr Öl überwiegend in US-Dollar, im Gegenzug garantierten die USA sicherheitspolitische Unterstützung und militärischen Schutz. Damit wurde Öl als der wohl wichtigste Rohstoff der Weltwirtschaft faktisch an den US-Dollar gekoppelt. Und das gilt nun so seit vielen Jahrzehnten. Wer Öl auf dem Weltmarkt kauft, zahlt fast immer in US-Dollar. Und genau dieses System heißt Petrodollar.
Ein globales Wirtschaftsprinzip
Öl braucht derzeit noch jedes Land: Industrie, Verkehr, Chemie, Energieversorgung – ohne Erdöl läuft wenig. Das bedeutet: Wenn Öl weltweit in Dollar gehandelt wird, müssen Staaten und Unternehmen Dollarreserven halten, um Energie einkaufen zu können. Die globale Nachfrage nach Öl sorgt automatisch für eine dauerhafte Nachfrage nach dem US-Dollar. Zentralbanken halten deshalb große Dollarreserven, internationale Geschäfte laufen über Dollar-Konten, viele Verträge werden in Dollar abgeschlossen, große Rohstoffgeschäfte in Dollar finanziert. Das hat auch ganz praktische Gründe: Der Dollar gilt als liquide, weltweit akzeptiert und bietet stabile Finanzmärkte. Für viele Staaten ist er deshalb die einfachste Abrechnungswährung.
Der Petrodollar ist also nicht einfach Geld aus dem Ölgeschäft, sondern ein globales Wirtschaftsprinzip mit enormer politischer und finanzieller Wirkung. Er beeinflusst Wechselkurse, Staatsverschuldung, internationale Machtverhältnisse und sogar geopolitische Konflikte.

Recycling = Investment
Ein weiterer wichtiger Effekt ist das sogenannte Petrodollar-Recycling. Ölexportierende Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Kuwait erzielten große Dollar-Einnahmen. Und damit das Geld nicht einfach auf Konten liegt, wurde es bislang häufig in US-Staatsanleihen, Banken oder Unternehmen investiert („Petrodollar-Recycling“). Das stärkte das US-amerikanische Finanzsystem ebenfalls. Der US-Dollar ist damit nicht nur Handels-, sondern auch Anlagewährung.
Und weil so viele Staaten US-Dollar halten und US-Staatsanleihen kaufen, können sich die USA deutlich leichter und oft günstiger finanzieren als andere Länder. Oder anders formuliert: Die Welt hilft mit, amerikanische Schulden tragbar zu machen.
Was ist eine Reservewährung?
Als Reservewährung gilt eine stabile Fremdwährung, die von Zentralbanken in großem Umfang als Devisenreserve gehalten wird. Sie dient als sicherer Wertspeicher, mit ihr werden Zahlungen abgewickelt und Wechselkurse stabilisiert. Der US-Dollar ist die dominierende Leitwährung, gefolgt vom Euro.
Für und Wider des Petrodollar-Systems
In der Kritik steht der Petrodollar aufgrund seiner wirtschaftlichen Machtasymmetrie. Die USA profitieren strukturell davon, dass andere Länder ihre Währung brauchen. Weil der Dollar das Zentrum des globalen Finanzsystems ist, können die USA erheblichen Druck auf andere Saaten ausüben. Wer vom Dollar-System ausgeschlossen wird, hat oft massive wirtschaftliche Probleme. Als Beispiele werden oft Iran, Russland oder Venezuela genannt. Nicht nur Sanktionen, auch Zinspolitik und Dollarknappheit haben so eine weltweite Wirkung. Zudem entsteht eine politische Abhängigkeit: Wer Energie nur über Dollar finanzieren kann, bleibt eng an das US-Finanzsystem gebunden. Ein Argument für das Petrodollar-System ist, dass der Dollar Stabilität schafft. Demnach erleichtert ein einheitliches globales Abrechnungssystem Handel, Finanzierung und Planungssicherheit.
Diskussion über Alternativen wächst
Allerdings: In den vergangenen Jahren wächst die Diskussion über Alternativen. Als größter Energieimporteur der Welt versucht China, den internationalen Handel stärker in Yuan abzuwickeln. Russland verkauft nach den Sanktionen Energie zunehmend außerhalb des Dollarraums. Und auch BRICS-Staaten diskutieren über alternative Zahlungsstrukturen. Saudi-Arabien zeigte Berichten zufolge ebenfalls mehr Offenheit für Geschäfte in anderen Währungen.
Als der Iran kürzlich im Krieg die Straße von Hormus für den internationalen Schiffverkehr und damit für 20 Prozent des weltweiten Ölhandels schloss, ging ein Angebot an Länder wie Indien durch die Medien, Tanker gegen Zahlung in Petro-Yuan durchzulassen. Für Wirtschaftsfachleute keine Randnotiz. Ein alternatives Öl-Währungssystem könnte die Dominanz des US-Dollars schwächen. Der Dollar verlöre quasi seine Öl-Deckung. Und das wiederum könnte sich nach Ansicht etlicher Medienberichte an der Straße von Hormus entscheiden.