Wie geht es mir?
Immer mehr sonst beruflich wie privat sehr belastbare Arbeitnehmer leiden unter der Corona-Pandemie © Rido — Adobe Stock

Wie geht es mir?

Seit vielen Monaten stellt uns die Pandemie vor ganz unterschiedliche Anforderungen. Da kann schon mal der Gedanke an einen „Corona-Burnout“ aufkommen. Wie man die Warnzeichen rechtzeitig erkennt – und was man für sich tun kann.

Ob Umstellung auf Remote Work, Doppelbelastung von Homeoffice und Homeschooling oder Angst vor Ansteckung: Die Corona-Pandemie hat den Alltag in den vergangenen anderthalb Jahren auf vielfältige Weise verändert und prägt unser Leben weiterhin. Immer öfter ist im Zusammenhang mit den psychischen Belastungen das Schlagwort „Corona-Burnout“ zu hören. Laut einer Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) Anfang 2021 sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum die Anfragen von Patientinnen und Patienten in den Praxen durchschnittlich um 40 Prozent gestiegen. „Die Nachfrage nach Psychotherapie hat während der Corona-Pandemie stark zugenommen. Nun müssen Lösungen gefunden werden, wie man den Patientinnen und Patienten helfen kann“, sagt Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der DPtV. 

Burnout ist ein Syndrom, keine Diagnose

Der Begriff Burnout beschreibt ein chronisches Erschöpfungssyndrom, also eine Kombination verschiedener Symptome. „Burnout ist ein Syndrom, keine Diagnose, aber es ist nicht selten eine Eintrittspforte für ernsthafte psychische Erkrankungen“, sagt Dr. Christina Jochim. Die Psychotherapeutin und Mitglied des Bundesvorstands im DPtV arbeitet ambulant und stationär in eigener Praxis und bei den Vivantes Kliniken in Berlin. Nicht selten seien Menschen von Burnout betroffen, die sowohl beruflich und privat gut belastbar seien und ein hohes Arbeits- und Freizeitpensum haben. Es komme auf den chronischen Stress sowie dessen Wahrnehmung und Bewertung an und zwar auf den negativ erlebten Distress, der zum Beispiel durch Zeitdruck, Konflikte oder eine hohe Arbeitsbelastung entstehen kann.  

Die Unkontrollierbarkeit wirkt belastend

Im Hinblick auf die Corona-Pandemie hat Christina Jochim immer wieder beobachten können, wie resilient, also widerstandsfähig und anpassungsfähig Menschen sind. Dennoch stelle die Pandemie sehr hohe Anforderungen an die Umstellungsfähigkeit, also die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Gegebenheiten wie Regeln, Beschränkungen und Veränderungen im Alltag und in der Arbeitswelt einzustellen. Studien zeigen, dass Belastungsreaktionen, Depressionen und Ängste während der Pandemie etwas gestiegen seien, was sich je nach Bevölkerungsgruppe jedoch sehr unterscheide. „Zudem ist der Faktor der Unkontrollierbarkeit etwas, das unserer Psyche nicht sonderlich gerne mag“, so Dr. Christina Jochim. Die Kombination aus hohen Anforderungen, fehlender Kontrolle und geringem Entscheidungsspielraum über einen längeren Zeitraum erhöhe die Stressanfälligkeit. Im Büro können die veränderten Arbeits- und Kommunikationsabläufe ein potenzieller Stressor sein: „Es macht einen Unterschied, ob ich ein Projekt kurz mit Kolleginnen und Kollegen besprechen kann, die nebenan in einem Büro sitzen, oder ob es dafür die Terminierung von Videocalls braucht.“ 

 

Wie Sie Belastungen erkennen und Hilfsangebote nutzen können

Um das persönliche Stresslevel einschätzen zu können, rät Dr. Christina Jochim dazu, sich die eigenen Reaktionsmuster auf Belastungen anzuschauen. Häufig bemerken Menschen eher körperliche Symptome wie Muskelverspannungen oder Schlafstörungen zuerst. Ein Grund für die Wahrnehmung ist, dass solche Auswirkungen weniger stigmatisiert sind als psychische Symptome. Typische mögliche Anzeichen von starkem Stress können ausgeprägtes Grübeln, Konzentrationsstörungen oder Desorganisiertheit sein. Klassische Strategien zur Stressbewältigung sind leichte sportliche Bewegung, ausgewogene Ernährung sowie ausreichend Schlaf und genügend Erholungs- und Ruhezeiten. „Das klingt vielleicht banal“, sagt Dr. Christina Jochim, „doch das ist die eigentliche Kunst: zu verstehen und zu wissen, dass wir alle keinen unendlichen Akku haben. Jeder Mensch braucht Entspannungszeiten, damit sich Körper und Psyche erholen können.“ Wer selbst nicht mehr gegensteuern kann, sollte möglichst frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, da zu langes Warten die Gefahr einer Chronifizierung erhöht. Das heißt, sollten Symptome durchgängig über zwei Wochen bestehen, sollte ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden.  Ein paar Tage schlechte Laune oder sich nicht gut fühlen, sei durchaus normal. „Doch wenn es länger anhält, dann sollten wir genauer hinschauen“, sagt Dr. Christina Jochim. 

Zum Weiterlesen
Resilienz – dein Körper zeigt dir den Weg. Wirksame Übungen für innere Stärke und gute Nerven, von Dr. Isa Grüber, Irisiana Verlag, 144 Seiten, 15 Euro

Corona-Burnout? Hier gibt es Infos und Hilfe 

Die psychotherapeutische Sprechstunde ist ein Angebot für eine Ersteinschätzung: Liegt eine psychische Erkrankung und eine Behandlungsindikation vor, oder kann eine andere Maßnahme hilfreich sein? Eine weitere Möglichkeit ist, sich der Hausärztin oder dem Hausarzt anzuvertrauen. Laut Dr. Christina Jochim sind Allgemeinmediziner sehr gut geschult darin, Belastungen und Symptome zu erkennen und gegebenenfalls zu einer fachärztlichen oder psychotherapeutischen Weiterbehandlung zu überweisen.  

In einer akuten Krise unterstützt die Telefonseelsorge unter den Nummern 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.  

Das Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe, erreichbar unter 0800 33 44 533, bietet krankheits- und behandlungsbezogene Informationen sowie Hinweise zum Versorgungssystem. 


Resilienz in Unternehmen  

Die Initiative Neue Qualität der Arbeit des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hat ein Dossier zum Thema Resilienz zusammengestellt. Es enthält Interviews aus Unternehmen und mit Expertinnen und Experten, welche Kompetenzen jetzt in der Arbeitswelt wichtig sind. Mehr Infos unter  

https://inqa.de/DE/wissen/schwerpunkt-covid/resilienz/uebersicht.html 


Strategien gegen den Pandemie-Burnout 

Das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München bietet Tipps, Strategien und Informationen zur Bewältigung von Krisensituationen während der Pandemie sowie ein verhaltenstherapeutisches Kurzprogramm für Zuhause:  

https://www.psych.mpg.de/corona

Mit ihrer Kampagne „Krise da, Kraft weg!“ unterstützen die Heiligenfeld-Kliniken mit speziellen Hilfsangeboten und Informationen in Bezug auf die psychischen Belastungen während der Pandemie: 

https://www.heiligenfeld.de/behandlung/psychosomatik/coronaburnout/


Tabu-Thema Psyche  

Das Projekt psyGA bietet neben vielen Praxisinstrumenten und Handlungshilfen für die psychische Gesundheit von Beschäftigten auch Informationen rund um die Destigmatisierung von psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt. 

https://www.psyga.info/psychische-gesundheit/psyga-fokus/destigmatisierung 

 


Ängste während der Pandemie 

 Der Psychiater, Psychotherapeut und Autor Prof. Dr. Borwin Bandelow ist Experte für Angsterkrankungen und gibt im psyGA-Interview Einblicke zum Umgang mit Ängsten während der Pandemie. 

https://www.psyga.info/was-uns-umtreibt/interview-mit-borwin-bandelow