Wenn der Job krank macht
Psychische Erkrankungen sind ein häufiger Grund für Fehltage © Wellnhofer Designs — Adobe

Wenn der Job krank macht

Psychische Erkrankungen spielen im Hinblick auf Fehlzeiten und Frühverrentung in der Arbeitswelt eine große Rolle. Zwei Experten erklären, welche Faktoren am Arbeitsplatz belastend wirken können und wie Unternehmen und Betroffene selbst vorbeugen können.

Depressionen und Angststörungen verursachen die meisten Fehltage bei Arbeitnehmenden, heißt es im DAK-Psychoreport 2019. Psychische Erkrankungen sind laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) seit Jahren häufigster Grund für gesundheitsbedingte Frühverrentung. In der Überblicksstudie „Psychische Belastungen in der Arbeitswelt“ aus den Jahren 2014 bis 2017 hat die BAUA die Einflussfaktoren analysiert: von der Unternehmenskultur über die Arbeitsorganisation, -aufgabe und -zeit bis hin zur Arbeitsplatzgestaltung. Durch die Digitalisierung und derzeit die Corona-Pandemie kommen weitere Belastungen wie große Veränderungsprozesse, die Flexibilisierung der Arbeitszeit und die Arbeit im Homeoffice hinzu.

Wie Körper und Psyche zusammenarbeiten

Im Buch „Dann ist das wohl psychosomatisch!“ plädiert der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Dr. Alexander Kugelstadt dafür, Körper und Psyche nicht getrennt zu betrachten. In seinem ganzheitlichen Verständnis, das dem biopsychosozialen Modell folgt, bedingen biologische, psychische und soziale Einflüsse die Gesundheit des Menschen, so auch in der Arbeitswelt: „Arbeitsplatzbelastungen sind auf verschiedenen Ebenen möglich. Das kann eine biologische Komponente sein, zum Beispiel schlechte Luft. Das kann eine psychische Ebene sein, dass sich Menschen im Großraumbüro beengt fühlen. Es können soziale Einflüsse sein, wie Konflikte mit

Kolleginnen oder Kollegen, oder ein starkes Abhängigkeitserleben gegenüber Vorgesetzten.“ Eine große Rolle spiele die Frage nach der Kontrollierbarkeit: Gibt es die Möglichkeit, über Arbeitsabläufe und Pausenzeiten zu bestimmen und sich auf die eigenen Bedürfnisse einzustellen? Bei seiner Arbeit am Institut für psychogene Erkrankungen der AOK werden vor allem Patientinnen und Patienten vorstellig, deren Arbeitsfähigkeit bereits eine Zeit lang nicht mehr gegeben ist. Sie kommen mit ganz unterschiedlichen arbeitsplatzbezogenen Symptomen, bei denen keine direkte körperliche Ursache feststellbar ist. Bei Bürotätigkeiten sind dies vor allem: Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, pseudoneurologische Störungen wie Lähmungen in den Händen, Ängste, depressive Symptome (Antriebsmangel, Motivationsmangel, Niedergeschlagenheit, Schwäche und Entkräftung) oder auch ein erhöhter Suchtmittelgebrauch. Dr. Alexander Kugelstadt sagt, dass nicht die psychosomatischen Symptome an sich entscheidend sind: „Die Frage, die uns vielmehr interessiert ist: Was bewirkt das Symptom? Was könnte die Funktion des Symptoms sein?“ So brauche es manchmal körperliche Beschwerden, um die Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken. „Wenn jemand zum Beispiel aufgrund von Rückenschmerzen am Arbeitsplatz nicht mehr lange sitzen kann, kann es eine Schutzfunktion sein, um anzuzeigen, dass mehr Pausen nötig sind.“

Wenn Führung die Gesundheit beeinflusst

Jörg Michel, Mitautor der BAUA-Studie, betont die Wichtigkeit von guter Führung für die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden: „Unzureichende Führung ist ein wesentlicher Faktor für psychische Belastungen bei der Arbeit. Bei der Untersuchung von Changeprozessen haben wir gesehen, dass die Auswirkungen mangelnder Führung auch psychosomatischer Natur sein können.“ Im Bereich Führung und Organisation sind laut BAUA-Studie die Themen Arbeitsplatzunsicherheit, mangelhafte Führung, Gerechtigkeit und Belohnung, Rückmeldungen und die sozialen Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen entscheidend. Im Themenfeld Arbeitsaufgabe spielen eine hohe Arbeitsintensität, häufige Unterbrechungen und ein eingeschränkter Tätigkeitsspielraum eine Rolle sowie auch die Emotionsarbeit. Letzteres meint das Regulieren oder sogar

Unterdrücken der eigenen Gefühle, um nach außen einen bestimmten Gefühlsausdruck zu zeigen. Ein großer und besonders umfangreich erforschter Faktor für das psychische Wohlbefinden ist das Thema Arbeitszeit, so Jörg Michel: Hier führen überlange Arbeitszeiten, ständige Erreichbarkeit, hohe Mobilität und fehlende Pausen zu psychischen Belastungen. Hinzu komme fehlendes Detachment, wenn es nicht mehr gelingt, abzuschalten und eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit herzustellen. Des Weiteren sind auch technische Bedingungen wie Beleuchtung, Klima oder Lärm in Bezug auf die psychische Gesundheit nicht zu vernachlässigen.

Selbstverantwortung und betriebliche Fürsorge

„Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es gerade in der Rolle der Assistenz herausfordernd ist, immer wieder auf sich selbst zu achten“, sagt Dr. Alexander Kugelstadt. Stress könne zwar dabei helfen, gute Leistungen zu erbringen, werde jedoch zum Problem, wenn er dauerhaft existiert und keine Erholungsphasen einsetzen. Regelmäßiger leichter Sport und das Erlernen eines Entspannungsverfahrens seien immer sinnvoll. „Viele setzen sehr stark auf das Durchhalten. Doch es lohnt sich, sich zu erlauben hinzuhören, Belastungen und erste Anzeichen ernst zu nehmen und sich frühzeitig mit Beschwerden zum Arzt zu begeben.“ Die erste Anlaufstelle sei immer die Hausärztin oder der Hausarzt. Hier sei es wichtig, sofern noch nicht geschehen, sich eine Praxis in der Nähe zu suchen. Jörg Michel von der BAUA sieht Stressempfinden und psychische Belastungen nicht als individuelles Phänomen und die Unternehmen in der Pflicht, für ihre Mitarbeitenden zu sorgen. Eine wertschätzende und vertrauensvolle Unternehmenskultur, in der auch Belastungen angesprochen werden können, sei essentiell. Er betont die Vorbildfunktion der Führungskräfte und wünscht sich klare Kommunikation und Zielsetzungen sowie Entscheidungsspielräume für die Mitarbeitenden. Denn alle Faktoren, die zur Belastung führen, können auch genauso eine Ressource sein.

Psychische Belastungen erkennen

Podcast: Der PsychCast mit Dr. Alexander Kugelstadt und Dr. Jan Dreher ist ein Edutainment-Audioformat rund um das Thema Psyche mit bereits über einer Million Downloads.

Wissen & Beratung: Die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales unterstützt Unternehmen, Verwaltungen und deren Beschäftigte rund um den Wandel der Arbeitswelt auch zum Thema psychische Gesundheit mit Tests, Beratung, Begleitung und Wissensvermittlung.

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Das an die INQA angliederte Projekt PsyGa stellt praxisnahes Wissen zur psychischen Gesundheit zur Verfügung. Unter dem Motto „Kein Stress mit dem Stress“ gibt es Angebote in Form von Handlungshilfen, E-Learning-Tools, BGM-Seminaren, Hörbüchern sowohl für Führungskräfte, Fachkräfte, Beschäftigte als auch für bestimmte Unternehmenssparten

Online Fachtagung:„Psychische Belastungen erkannt und beurteilt - wie geht’s weiter?“ am 21.10.2021. Wer sich bereits mit der Gefährdungsbeurteilung psychischer Arbeitsbelastung beschäftigt hat, bekommt hier Input zu möglichen Maßnahmen mit dem Fokus auf Praxisorientierung