Fahren auf Sicht
Recovery Management heißt die Fähigkeit, Ausnahmesituationen wie Firmenschieflagen zu bewältigen. Für die Wirtschaft in der Corona-Krise gibt es allerdings kein Lehrbuch-Konzept.

Fahren auf Sicht

Ein beispielloser Vorgang: Eine lahmgelegte Wirtschaft fährt langsam wieder hoch. Keine Wirtschaftstheorie thematisiert bislang eine globale Ausnahmesituation wie von Corona ausgelöst. Probieren, was geht, heißt es deshalb für die Unternehmen. Zeit für Neues also.

Management-Methoden gibt es unendlich viele. Warum eigentlich keine mit Reset-Knopf für die Weltwirtschaft? Vielleicht, weil das Wirtschaftsleben aus so vielen verschiedenen Systemen besteht, dass jedes für sich eine Art Neustart braucht. Derzeit schieben deshalb überall auf der Welt die Regierungen mit Milliarden-Programmen ihre Volkswirtschaften wieder an. Dass es im Prinzip funktioniert, wissen wir aus etlichen Wirtschaftskrisen und jeder Menge Nöten, die Firmen immer wieder mal erleben. Nicht von ungefähr heißt die Fähigkeit, Ausnahmesituationen wie eine Firmenschieflage zu bewältigen, Recovery Management (recovery = englisch für Wiederherstellung, Erholung).

DEN GELDFLUSS GEWÄHRLEISTEN

Zum wirtschaftlichen Überleben gehört auf jeden Fall Liquidität für den Cash Flow. Sie kann von außen kommen, damit sind derzeit meist Banken oder auch Corona-Soforthilfe, Steuerstundung & Co. gefordert. Liquidität lässt sich aber auch intern beschaffen, etwa, indem der Betrieb weniger Kapital bindet, also einiges flüssig macht. Kapital steckt beispielsweise in Lagerbeständen, und wenn sich der Verbrauch ändert, lässt sich neu justieren. Wie wirkungsvoll dieser Hebel sein kann, hatte die Finanzkrise 2008 gezeigt: So manches Unternehmen hatte seine Bestände gesenkt und dadurch Cash Flow beschafft.

Welchen Härtegrad in puncto Beschaffungsstopp verträgt die Firma, ohne sich beim Hochfahren selbst auszubremsen? Da arbeiten viele Firmen derzeit mit kontinuierlich aktualisierten Analysen und Szenarientechniken. Wie könnte sich die Nachfrage auf dem Zielmarkt entwickeln, im schlimmsten Fall und optimistisch kalkuliert? Und wie die Beschaffung? Tatsächlich sind im weltweiten Lockdown in den meisten Branchen Lieferketten gerissen. Manche Zulieferer haben ihre Produktion wochenlang stillgelegt, andere sind logistisch von den globalisierten Lieferwegen abgeschottet. Lässt sich die Produktion überhaupt hochfahren, wenn wichtige Komponenten fehlen? Hier gilt es oft nicht nur, alte Lieferketten zu reaktivieren, sondern neue Beschaffungsnetzwerke zu knüpfen. Etliche Firmen haben eine regelrechte Taskforce aufgebaut, um neue Lieferquellen für wichtige Materialien aufzutun. Und sie nutzen diese Zeit, um sich strategisch neu aufzustellen: weniger globalisiert, stattdessen mit Schlüssellieferanten vor Ort oder in der EU.

JETZT SCHWACHSTELLEN ABSTELLEN

Überhaupt nutzt so manches KMU die Zeit der runtergefahrenen Prozesse, um Schwachstellen auszubessern. Da werden beispielsweise vom Homeoffice aus digitale Orderstrukturen gesäubert und entrümpelt, sofern der sichere Zugriff auf den Firmenserver steht. Andere verfolgen Ideen oder Projekte, die im hektischen Joballtag immer wieder liegengeblieben sind. Der Neuauftritt im Internet zum Beispiel, ist die vor Jahren angelegte Webseite so wie sie ist, überhaupt noch aktuell? Wollte das Team nicht ohnehin mal drüber nachdenken, ob sich die Arbeitsplätze anders aufteilen lassen? Jetzt wäre womöglich die Gelegenheit, zumal sich auch so manches Interims-Homeoffice künftig fest einplanen lässt.

„Das Beste aus einer Situation machen“, das ist nicht nur eine Redewendung, sondern genaugenommen Kerngedanke jeder Überlebensstrategie – auch in der Wirtschaft. Wenn Unternehmen in konjunkturellen Flauten verstärkt in Forschung & Entwicklung investieren, dann lenken sie freigewordene Kapazitäten in konstruktive Tätigkeiten um und häufen schon mal innovative Substanz an für den kommenden Wettbewerb auf den Markt. Und wenn Projektmanager ihre Teams agil steuern, dann entfaltet sich die gewünschte Schaffenskraft und Entwicklungsdynamik aus einer ganz ähnlichen Energie, nämlich aus Anpassungsfähigkeit und Flexibilität.

Wer weiß am Anfang seines Innovationsprozesses schon genau, welche Einflussfaktoren noch auf den Lösungsweg einwirken werden? Um durch Krisenzeiten zu steuern, sind agile Entscheidungsprozesse besonders wichtig. „Auf Sicht fahren“ ist so eine Methode, um schnell und wendig auf unbekannte Faktoren reagieren zu können. Passt das Produktportfolio oder Service-Angebot eigentlich noch zu den Märkten, wenn die sich wiederbeleben? Lässt sich womöglich ein neues Geschäftsfeld aufbauen, weil hier plötzlich die Nachfrage explodiert? Nicht nur Modefirmen produzieren jetzt Schutzmasken, so mancher Industriekonzern wird zum Selbstversorger. Hier werden Kapazitäten und Know-how längst für neue Zwecke eingesetzt.

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