Faire Sprache
Im Geburtenregister ist seit 2018 eine dritte Option für die Geschlechtsangabe möglich. Wie wirkt sich das auf die Kommunikation in Unternehmen aus?

Faire Sprache

GENDERGERECHTE SPRACHE Wenn sich alle Menschen gleichermaßen angesprochen fühlen sollen, wird es oft schwierig, passende Formulierungen zu finden. Was sprachberatende Institutionen empfehlen und wie Unternehmen ihre Kommunikation regeln.

 

Diese Kürzel – m/w/d – finden sich seit kurzem hinter fast jeder Stellenanzeige: m für männlich, w für weiblich – und d für divers. So wollen Arbeitgeber auch Interessierte ansprechen, die sich nicht einer der beiden Geschlechteridentitäten männlich oder weiblich zugehörig fühlen.

Das Bemühen um eine gendersensible Sprache geht auf das Gesetz zur „Änderung der in das Geburtenregister einzutragenden Angaben“ zurück, das im Dezember 2018 verabschiedet wurde. Darin wird festgelegt, dass es im Geburtenregister neben männlich und weiblich noch eine dritte Option für die Geschlechtsangabe geben muss. Was bedeutet das für die Unternehmenskommunikation: Wie sieht eine korrekte Ansprache aus? Welche Formulierungen passen für alle?

Die aktuelle Diskussion greift jedoch nur einen Aspekt des gesamten Themas gendergerechte Kommunikation auf. Der englische Begriff Gender bedeutet übersetzt soziales Geschlecht und bisher lag der Fokus auf der sprachlichen Gleichstellung von Männern und Frauen.

Verständlich und vorlesbar

„Während jetzt über die korrekte Ansprache eines dritten Geschlechts debattiert wird, ist die sprachliche Sichtbarkeit von Frauen, immerhin die Hälfte der Menschheit, längst noch nicht gegeben“, sagt Tinka Beller, Gender- und Diversity-Expertin sowie Projektleiterin der Personalentwicklungsagentur Kontor5.

Wie sehr die Sprache unser Denken und damit unsere Wahrnehmung prägt, zeigt ein einfacher Test: Wird gefragt, welche bekannten deutschen Wimbledon-Sieger es gibt, lautet die Antwort meist Boris Becker und Michael Stich. Bei der Frage nach bekannten Siegern und Siegerinnen wird auch Steffi Graf sofort genannt, die bei der Anzahl der Siege ihre männlichen Pendants um mehr als das Doppelte übertrifft.

Tinka Beller empfiehlt Unternehmen, einen verbindlichen Leitfaden für die interne und externe Kommunikation zu erarbeiten. Hilfestellung dabei gibt beispielsweise der Rat für deutsche Rechtschreibung. Die AG „Geschlechtergerechte Schreibung“ des Rates hat Beurteilungskriterien entwickelt. So sollte die gewählte Form sachlich korrekt, verständlich und lesbar sein. Sie darf nicht von den wesentlichen Inhalten des Textes ablenken. Auch die Rechtssicherheit und Eindeutigkeit, beispielsweise bei Verträgen, ist wichtig.

Hinzu kommt ein weiteres Kriterium, das sich nicht sofort aufdrängt, aber immer größere Bedeutung erlangt: Die Vorlesbarkeit. Sie darf in Zeiten von Alexa, Siri und Co. und als Hilfestellung für ältere Menschen ebenfalls nicht vernachlässigt werden. Unter www.rechtschreibrat.com kann man die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung zur geschlechtergerechten Schreibung nachlesen.

Gendersternchen & Co.

Es gibt verschiedene Formen von Schreibweisen, die das dritte Geschlecht mit einbeziehen. Mit Gender Gap wird der Unterstrich zwischen der maskulinen Form und der femininen Endung eines Wortes bezeichnet. Das sieht dann beispielweise so aus: Liebe Mitarbeiter_innen. Eine weitere Option ist der Asterisk, besser bekannt als Gendersternchen. Geschrieben wird diese Form Liebe Mitarbeiter*innen. Eine dritte Möglichkeit ist die X-Form, die häufig im universitären Umfeld angewandt wird. Im Singular steht hier am Wortende ein x, im Plural xs. Bei unserem Beispiel wäre das: Liebe Mitarbeitxs.

Diese drei Formen spiegeln zwar das Konzept einer Geschlechteridentität als Kontinuum wider, stellen also eine ganze Bandbreite von möglichen Geschlechtsausprägungen dar. Es ergeben sich aber Probleme bei der Verständlichkeit, der Eindeutigkeit und der Vorlesbarkeit. Hörbar werden Gender Gap und Gendersternchen beim Sprechen zwar durch eine kurze Pause, die zwischen dem Wortstamm und dem Wortende eingelegt wird. Für viele ist dies jedoch ungewohnt.

Neue Sprachgewohnheiten brauchen Jahre

Hinzu kommt: Alle drei Formen sind nach den derzeitig gültigen Normen der deutschen Rechtschreibung nicht korrekt. „Bislang gibt es noch keine verbindliche Regelung, wie ein drittes Geschlecht in die Ansprache mit einbezogen werden kann. Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht sinnvoll, denn noch hat sich im allgemeinen Sprach- und Schreibgebrauch keine Formulierung durchgesetzt, und es gibt auch noch keinen gesellschaftlichen Konsens“, erklärt Dr. Sabine Krome, Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung und verantwortlich für die AG „Geschlechtergerechte Schreibung“.

„Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand und der Beobachtung der Schreibentwicklung gibt es eine leichte Tendenz hin zum Gendersternchen.“ Heute lässt sich aber noch nicht sagen, welche Form in Zukunft am häufigsten verwendet werden wird, da neue Sprachgewohnheiten mehrere Jahre, mitunter noch länger benötigen, um sich zu etablieren.

Was tun bei unbekanntem Personenkreis

Grundsätzlich ist entscheidend, an wen sich ein Text oder eine Anrede richtet. „Sind Name und Geschlecht bekannt, sollte immer eine persönliche Ansprache erfolgen“, rät Tinka Beller. Sie lautet also beispielsweise Sehr geehrte Frau Müller. Ist die vom Adressaten gewünschte Anrede als Herr oder Frau unklar, kann sie wegfallen und durch den Vornamen ersetzt werden. Guten Tag Christiane Müller oder Hallo Peter Meier sind elegante Varianten, die das Problem lösen.

Wenn bei einer Gruppe die Geschlechterzugehörigkeit aller bekannt ist, sollten Sie immer die passende Anrede wählen. Begrüßen Sie also ein rein weibliches Team mit Liebe Kolleginnen. Schwieriger wird es, wenn ein großer, weitgehend unbekannter Personenkreis angesprochen wird. Oft wird bei der Duden-Sprachberatung nachgefragt, wie solche Fälle gehandhabt werden. „Da die meisten Menschen sich als Frauen oder Männer verstehen, also von einer binären Geschlechteridentität ausgehen, wird das herkömmliche Sehr geehrte Damen und Herren auf absehbare Zeit der Standard bleiben“, erläutert Dudenredakteurin Melanie Kunkel.

Zu den klassischen Varianten, die Männer und Frauen gleichermaßen ansprechen, zählen auch Doppelnennungen wie Kunden und Kundinnen und Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Attraktive Alternativen

Doch Lösungen für eine gendergerechte Sprache, die sich bei der Anrede noch einfach gestalten, machen einen längeren Text schnell sperrig. „Das muss jedoch keineswegs so sein. Es gibt in der deutschen Sprache vielfältige Möglichkeiten, alle Geschlechter miteinzubeziehen, ohne dass die Textqualität darunter leidet“, erklärt Melanie Kunkel. Einfach gelingt dies, wenn der Plural von substantivierten Partizipien oder Adjektiven verwendet wird. Begriffe wie Arbeitende, Beschäftigte, Auszubildende und Studierende umfassen alle Geschlechter.

Auch geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie Person, Mitglied und Mensch sind eine gute Alternative zur rein maskulinen Form. Oft lassen sich Personenbezeichnungen durch Endungen wie -ung oder -schaft zu abstrakteren Begriffen verändern, sodass sie Menschen jeden Geschlechts mit einbeziehen. Aus dem Geschäftsführer wird so die Geschäftsführung und es gibt nicht den Sachbearbeiter, sondern die Sachbearbeitung.

Synonyme ermöglichen es ebenfalls, auf maskuline Formen zu verzichten. Ein Vorgesetzter ist dann eine Führungskraft. Hierbei ist natürlich darauf zu achten, dass es keine für den Kontext relevanten Bedeutungsunterschiede gibt. Als hilfreich erweisen sich auch gebräuchliche Kurzwörter wie Azubi oder Hiwi.

Zusätzlich gibt es noch die Option, Begriffe zu umschreiben. Das gelingt zum Beispiel mittels Relativsätzen und Passivkonstruktionen. Die Person, die das Projekt leitet kann den Projektleiter ersetzen. Das Briefing soll von allen gelesen werden steht für Alle Mitarbeiter sollen das Briefing lesen. Ob diese Umschreibungen stilistisch passen und auch nicht zu unpersönlich wirken, muss im Einzelfall entschieden werden.

Wer all diese Möglichkeiten ausschöpft, wird seltener das generische Maskulinum verwenden. Worum handelt es sich dabei und warum sollten wir es vermeiden? Für viele Personengruppen, Amts- oder Berufsbezeichnungen gibt es im Singular eine männliche und eine weibliche Form. Aus dem Jobumfeld sind das Begriffe wie Aktionär und Aktionärin, Vertragspartner und Vertragspartnerin. Im Plural wird aber nur noch die männliche Form verwandt. Dies gilt für Pluralbildungen bei Gruppen, die aus Männern und Frauen bestehen. Ebenso wird das generische Maskulinum genommen, wenn die Gesamtheit einer Gruppe, beispielsweise eines Berufsstandes, gemeint ist.

Die folgenden Beispiele verdeutlichen dies: Die neuen Lehrer kommen bei den Schülern gut an. Es gibt nicht genug Ärzte. Dieser Sprachgebrauch führt dazu, dass Frauen weniger präsent sind. „Sie werden zwar mitgemeint. Doch wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass dies keineswegs auch so verstanden wird“, weiß Melanie Kunkel.

Sprachliche Sensibilität schärfen

Insgesamt ist wichtig, die sprachliche Sensibilität zu schärfen. Viele Unternehmen, wie beispielsweise Audi, Bertelsmann, die Commerzbank und Thyssenkrupp, sind sich dieser Aufgabe bewusst und bemühen sich um eine gendergerechte Kommunikation. Einige arbeiten derzeit Empfehlungen für ihre Belegschaft aus. Beim Handelskonzern Otto beispielsweise beteiligen sich die Abteilungen der Bereiche Unternehmensstrategie, Personal, Kommunikation, Marketing und Diversity an einem entsprechenden Workshop. Beim Versicherungskonzern Axa testet die Kommunikationsabteilung in einem ersten Schritt gendergerechte Formulierungen auf ihre Praxistauglichkeit.

Vorgaben allein führen aber nicht zum Ziel. „Um eine gendersensible Sprache im Unternehmen umzusetzen, muss zuerst ein Umdenken in den Köpfen stattfinden“, erklärt Tinka Beller. Sie rät, Mitarbeitende in Seminaren zu schulen. Denn Wissen wirkt. Mit dem Bewusstsein für die Bedeutung des Themas und ausgestattet mit praktischen Tipps zur Umsetzung gelingt die gendergerechte Kommunikation im Arbeitsalltag.

Zum Weiterlesen

Gendern – ganz einfach! von Gabriele Diewald und Anja Steinhauer, Duden Verlag Berlin, März 2019, 96 Seiten, 8 Euro

30 Minuten Gendergerechte Sprache von Tinka Beller, Gabal Verlag, März 2019, 96 Seiten, 8,90 Euro