Kritik souverän entgegenzunehmen ist ganz große Schule – aber es lohnt sich!
Kritik souverän entgegenzunehmen ist ganz große Schule – aber es lohnt sich! © YevgeniyaKoln/AdobeStock

Wie uns Kritik wachsen lässt

Lob – immer her damit! Aber Tadel? Den auszuhalten, fällt fast niemandem leicht. Wie kann es gelingen, souverän mit Kritik umzugehen und im besten Fall sogar noch davon zu profitieren? Zwei Expertinnen erklären, worum es dabei geht und geben Tipps.

Wenn wir kritisiert werden, hören die meisten von uns gar nicht richtig hin, glaubt Theresa Maxeiner. Ihre These: In 99 Prozent aller Fälle lernen wir nichts aus kritischem Feedback. „Ich möchte zusammen mit Menschen neue Feedback-Nehmerkompetenzen aufbauen, damit man mehr lernt und sich weniger zu Herzen nimmt“, sagt die Autorin und Führungskräftetrainerin. Theresa Maxeiner hat selbst erlebt, wie vernichtend Kritik sein kann, wenn man sie falsch einordnet. Die Führungskräftetrainerin bekam beispielsweise einmal ein schlechtes Feedback von einem ihrer Seminarteilnehmer, das sie noch lange beschäftigte.

Heute weiß sie: Sie hat das Feedback persönlich genommen und als Angriff auf ihre Person verstanden. Was sie als Trainerin heute vermitteln möchte: Wenn eine Person Kritik an mir übt, spricht sie nicht über mich als Person, sondern nur über einen kleinen Ausschnitt von mir, zum Beispiel über bestimmte Verhaltensweisen oder ein Produkt, das ich kreiert habe. Diese Erkenntnis kann einen großen Unterschied machen, denn mein Verhalten oder ein Produkt kann ich ändern – wenn ich das will.

Mit Abstand betrachten

Ein weiterer Punkt, um Kritik souverän entgegennehmen zu können, ist für die Trainerin die Erkenntnis, dass das, was wir als Feedback bekommen, niemals objektiv ist. „Wir sollten uns klarmachen, dass die Person, die das Feedback gibt, eigene Wünsche und Ziele hat, und einen ganz bestimmten Fokus, und dass dieser sich auch jederzeit ändern kann.“ Es geht also nicht darum, ob das, was wir als Kritik bekommen, vermeintlich wahr ist, sondern darum, was wir daraus mitnehmen wollen. Manchmal kann das auch nur die Erkenntnis sein, dass das Feedback, das die andere Person gibt, vor allem mit dem Kritiker selbst zu tun hat.

„Wir sollten uns die Frage stellen, was eigentlich hinter der Kritik steht: Will sich jemand über mich stellen? Ist die Person neidisch? Will sie mich vielleicht schützen?“ Mit solchen Überlegungen distanziere man sich innerlich von der Kritik und könne sie emotional unabhängiger verarbeiten, meint Theresa Maxeiner. Es lohnt sich also, die vorgetragene Kritik genauer anschauen.

Zu einer gut ausgeprägten Kritikfähigkeit gehört auch, konstruktive von destruktiver Kritik unterscheiden zu können. Konstruktive Kritik erkennt man daran, dass sie sachlich vorgetragen wird und konkret ist, zudem ist sie lösungsorientiert. Destruktive Kritik ist das Gegenteil: Sie ist verletzend und persönlich, ihr Ziel ist es, ihr Gegenüber anzugreifen oder schlechtzumachen, oftmals ist sie pauschalisierend und sehr allgemein gehalten.

Dr. Doris Wolf rät in einen solchen Fall dazu, sich die Persönlichkeit des Kritikers genauer anzuschauen. „Die Kritik sagt mehr über die Person des Kritikers als über Sie aus. Wollen Sie wirklich so sein wie er und sich verhalten, wie er es für richtig hält?“, fragt die Psychologin und Psychotherapeutin. „Wenn nein, dann entscheiden Sie sich, ob Sie sich seine Kritik zu Herzen nehmen wollen.“

Ins Gespräch gehen

Aber auch wenn Kritik sachlich und konstruktiv vorgetragen wird, kann sie uns treffen. Um trotzdem gut mit ihr umzugehen, gibt Doris Wolf folgende Tipps:

Versuchen Sie, einen klaren Kopf zu bekommen

Wenn wir uns verletzt fühlen, können wir häufig nicht mehr klar denken. Um wieder Boden zu gewinnen, können wir unser Gegenüber seine Aussage einfach wiederholen lassen oder die Aussage in eigenen Worten wiederholen (spiegeln):

  • „Du meinst also, dass ich ...“
  • „Ich habe nicht ganz verstanden, was du gesagt hast.“
  • „Kannst du es nochmal wiederholen.“

Fragen Sie bei Ihrem Gegenüber gezielt nach

Um möglichst keine Missverständnisse entstehen zu lassen, ist es hilfreich, direkt nachzufragen und das Gesagte möglichst konkret zu machen:

  • „Wie genau meinst du das?“
  • „Was verstehst du darunter, wenn du ... sagst?“
  • „Auf welche Situationen beziehst du dich?“

Teilen Sie Ihrem Gegenüber Ihren Eindruck mit

Statt Fragen zu stellen, können Sie Ihrem Gegenüber Ihre Sichtweise auch als Eindruck schildern:

  • „Du hast gerade ... gemacht. Bei mir kam das an, als ob du ... Liege ich da richtig?“
  • „Ich habe den Eindruck, du bist sauer auf mich.“
  • „Kann es sein, dass du dich über mich geärgert hast?“

Im Verlauf des Gesprächs ist es hilfreich, wenn Sie von sich sprechen und Ihrem Gegenüber keine Vorwürfe machen. Suchen Sie gemeinsam nach einer Lösung.

Auf der Suche nach den Wurzeln

In ihrem Podcast „Psychologie to go!“ rät Franca Cerutti, sich die eigene Geschichte einmal genauer anzuschauen, wenn es uns sehr schwerfällt, mit Kritik umzugehen. „Viele von uns sind mit Methoden wie beispielsweise Liebesentzug oder Beschämung aufgewachsen“, sagt die Psychologin. „Wir haben es also mit der Angst zu tun gehabt: Wenn ich mich falsch verhalte, werde ich nicht mehr geliebt und ausgeschlossen.“ Diese Ängste zeigen sich, so Cerutti, häufig in übertriebenem Perfektionismus oder in einer starken Scheu vor Konflikten.

Wenn wir uns heute in einer Situation befinden, in der wir kritisiert werden, können genau diese Ängste getriggert werden. Abhilfe schafft da nur, genau diese Muster zu erkennen und Stück für Stück das Selbstwertgefühl zu stärken, zum Beispiel, indem wir uns unserem inneren Kritiker zuwenden und versuchen, freundlicher mit uns umzugehen.