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Virtuelle Mitarbeiterbindung

HOMEOFFICE Von Zuhause arbeiten wird nach den Erfahrungen der letzten Monate zur neuen Normalität. Doch wie funktioniert Mitarbeiterbindung bei langfristiger räumli-cher Distanz? Ein Einblick in die neuen Herausforderungen der HR-Arbeit.

Die Corona-Pandemie erfordert von den Beschäftigten einen langen Atem. Zwar finden zwei Drittel der Beschäftigten, dass ihre Arbeitgeber sie vorbildlich unterstützen und fühlen sich gut über den Umgang mit der Krise informiert. Das ergab eine repräsentative Erhebung der Initiative Neue Qualität der Arbeit von November 2020. Gleichzeitig fühlt sich ein Drittel der Beschäftigten weniger oder nicht gut informiert und unterstützt. Zudem berichtete in der Befragung jede siebte Person über eine relevante Verschlechterung ihres psychischen Wohlbefindens. Das stellt die HR-Arbeit vor ganz neue Herausforderungen.

Vanessa Klein ist HR Business Partnerin beim Beratungsunternehmen Sopra Steria. Ihr Unternehmen agiert international, daher wurde schon vor Corona viel digital zusammengearbeitet. Trotzdem hat die Pandemie die HR-Arbeit in vielen Bereichen verändert: „Wir führen beispielsweise die Vorstellungsgespräche im Recruiting oder Mitarbeitergespräche im Rahmen der Personalbetreuung per Videokonferenz durch und halten interne Workshops sowie Trainings online ab“, berichtet Vanessa Klein. Eine große Herausforderung ist dabei das Onboarding neuer Mitarbeiter: „Normalerweise haben wir ein zweitägiges Welcome-Seminar, zu dem wir alle neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einladen. Da uns ein guter Einstieg besonders wichtig ist, haben wir die Veranstaltung nun auf ein digitales Format zugeschnitten. Das Networking zwischendurch und am Abend mit den Kolleginnen und Kollegen lässt sich dadurch leider nicht vollständig ersetzen.“ Die weggefallenen Austauschmöglichkeiten fängt das Unternehmen mit einem schon länger bestehenden Paten-Konzept auf. Neue Mitarbeitende werden das erste halbe Jahr von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen im Unternehmen begleitet.

Soziale Kontakte: persönlicher Austausch fehlt

Doch nicht nur für neue Mitarbeitende ist die Kommunikation im Homeoffice eine Herausforderung. Am häufigsten vermissen Beschäftigte die sozialen Kontakte. Laut einer Fraunhofer-Umfrage zum Thema Homeoffice aus dem Juli 2020 fehlt 85 Prozent der Befragten der persönliche Austausch, 66 Prozent mangelt es zudem am fachlichen Austausch.
Nadja Maindok hat mit ihrem Arbeitgeber vorwiegend positive Erfahrungen während der Pandemie gemacht: „Alle Mitarbeiter*innen wurden direkt ins Homeoffice geschickt und die entsprechende Technik so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt“, erzählt die Assistentin, die für einen Anbieter im Bereich Business-Travel-Management tätig ist. Trotzdem fehle ihr das Zwischenmenschliche, und dass sie Dinge mal eben schnell persönlich klären könne. „Es erfordert viel Disziplin, das virtuelle Miteinander umzusetzen. Zudem liegt es auch nicht vielen“, meint Nadja Maindok.

Auch Vanessa Klein sieht die Herausforderungen, die die Arbeit im Homeoffice mit sich bringt: „Manche müssen im Homeoffice arbeiten, während gleichzeitig ihre Kinder zu Hause sind. Andere wohnen vielleicht alleine und haben das Gefühl, mit der Zeit zu vereinsamen. Oder sie fühlen sich von wichtigen Informationen ausgeschlossen, die sie sonst beim gemeinsamen Mittagessen oder beim informellen Austausch an der Kaffeemaschine erfahren.“

Kommunikation: lieber zu viel als zu wenig

Damit sich niemand im Homeoffice von Informationen ausgeschlossen fühlt, ist eine regelmäßige Kommunikation sehr wichtig. Insbesondere in einer Ausnahmesituation sei es besser, lieber zu viel als zu wenig zu kommunizieren, meint Vanessa Klein: „Beispielsweise informiert unsere Unternehmensleitung regelmäßig alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter via E-Mail und als Videobotschaft in unserem Intranet über die aktuelle Situation und über Neuigkeiten im Unternehmen.“ Die Personalerin ermutigt Führungskräfte, regelmäßige Austauschformate zu etablieren, wie tägliche kurze Standup-Meetings oder informelle Meetings zum offenen Austausch. Zudem gibt es im Unternehmen eine Initiative, bei der Mitarbeitende aus der Personalabteilung und anderen Fachbereichen virtuelle Events anbieten, beispielsweise Online-Yoga oder Filmabende.

Auch der Arbeitgeber von Sabrina Müller (Name geändert) wurde in Sachen Kommunikation kreativ: „Der CEO hat anfangs wöchentlich Info-Videos bereitgestellt, sodass ich mich fast besser als vorher informiert fühlte“, berichtet die Angestellte. Es werden virtuelle Kaffeepausen angeboten und eine  Art "Speeddating", bei dem sich Kollegen aus dem Konzern weltweit austauschen können. Die Mitarbeiter wurden dazu aufgerufen, Fotos aus dem Homeoffice zu posten: mit Kindern, Familie und Haustieren. „Ich finde, es ist alles etwas menschlicher geworden“, meint Sabrina Müller.

Unternehmenskultur: Was passt zu uns 

Aus der Krise ergeben sich Chancen für neue Formen der Mitarbeiterbindung. Damit sie gelingt, müssten nicht gleich immer große Projekte gestartet werden, meint Vanessa Klein. Es ginge darum, kreativ zu werden. Auch kleine Aktionen könnten das Wohlbefinden der Mitarbeitenden fördern. Vor allem aber gäbe es kein starres Konzept für Mitarbeiterbindung: „Die Angebote sollten individuell auf die Mitarbeitenden und die Kultur im Unternehmen abgestimmt werden.“ Wer vor der Pandemie selten zu Networking-Treffen nach der Arbeitszeit kam, wird wahrscheinlich auch kein großes Interesse an Online-Netzwerktreffen haben. Kreative Ideen, wie man Menschen virtuell zusammenbringt, sind zur Zeit also besonders gefragt.