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PERFEKTIONISMUS Genau das ist die Kunst: Zu wissen, wann man zufrieden sein darf – und wann man wirklich alles geben muss. Diese Fähigkeit ist vielen von uns verloren gegangen, wir setzen uns ständig unter Druck. Lernen Sie, ganz gelassen Ihr Bestes zu geben – und Perfektionismus rechtzeitig auszubremsen.

Perfektionismus ausbremsen

Lernen Sie, ganz gelassen Ihr Bestes zugeben – und Perfektionismus rechtzeitig auszubremsen.

Selbstoptimierung, schon das Wort sollte uns eigentlich erschrecken. Doch in Zeiten (digitaler) Alles-ist-möglich-Maxime ist es kaum zu vermeiden, an sich selbst zu (ver)zweifeln – und immer noch ein Quäntchen Anstrengung draufzupacken. Wir wollen perfekt sein.

Der Diplom-Psychologe Nils Spitzer spricht in seinem Buch „Perfektionismus überwinden“ von einer „ganzen Gesellschaft im Optimierungsfieber“, und zwar möglichst in allen Lebensbereichen: Das ganze Leben „ein permanentes Workout …“

Fünf wichtige Thesen gegen ungesunden Perfektionismus

Dieser Wahn im Kopf, immer alles 150-prozentig machen zu müssen, kostet uns die schönsten Momente im Leben. Rechtzeitig dagegenhalten bedeutet nicht etwa, von einem 150-Prozent-Anspruch auf glatte Hundert zurückzuschrauben. Es heißt sogar, auch mal weniger als alles zu geben – nämlich dann, wenn eine Fast-Perfekt-Leistung vollkommen ausreicht für die jeweilige Anforderung. Runter vom Gas, lautet in vielen Fällen also das vernünftigere Motto. Wem das gelingt, der befreit sich von einigen Belastungen, die oft mit ungesundem Perfektionismus einhergehen.

Warum das heute immer wichtiger wird, und ob das auch für Assistenzaufgaben gilt, beantworten uns Experten in fünf Thesen zum Thema Perfektionismus.

1. Perfektionismus ist out.

In einer Arbeitswelt nach neuem Modell, wir sprechen von New Work, ist das Mehr-als-Hundertprozentige nicht mehr durchweg vorrangiges Ziel. Die Arbeitsweise ist agil: Diplom-Psychologin Tatjana Reichhart erklärt aus eigener Erfahrung mit ihrem Team von kitchen2soul: „Agil sein bedeutet für uns, neue Ideen einfach mal auszuprobieren, aus Fehlern zu lernen, auch mal mit Unfertigem rauszugehen auf den Markt und die Reaktionen darauf zur Weiterentwicklung nutzen.“

Der Management-Ansatz "Design Thinking" geht in diese Richtung. Doch noch nicht viele Unternehmen wagen es tatsächlich, sich für die neuen Arbeitsweisen zu öffnen. Zu fest sitzt bei den meisten noch die Überzeugung von der Null-Fehler-Strategie. Oft liege hier ein Missverständnis vor, meint Tatjana Reichhart, denn es gehe nicht darum, fehlerhafte Arbeit zu akzeptieren – das wäre in vielen Arbeitsbereichen nicht nur geschäftsschädigend, sondern sogar lebensgefährlich. „Natürlich müssen ein Chirurg oder die Flugsicherung um Perfektion bemüht sein, und das sind diese Berufsgruppen ja auch.“ Sie spricht von „selektivem Perfektionismus“: „Ich muss wissen, wann es wirklich dringend notwendig ist, absolut perfekt zu arbeiten, weil es ansonsten katastrophale Folgen hätte, und wann es einfach ‚nur‘ um ein gutes Ergebnis geht“. Fast jeder Job habe von beiden Bereichen Anteile.

2. Perfektionismus ist eine Frage des Selbstwertgefühls.

Wer nichts zu Ende bringt, weil immer noch eine Kleinigkeit fehlt oder besser sein könnte, traut sich womöglich einfach nicht zu, etwas Gutes zustande zu bekommen. Nach dem Motto „Das kann doch nicht sein, dass mir etwas einfach so gelingt …“ Auf die Dauer schwächt so ein Verhalten das Selbstwertgefühl immer mehr. Denn wer ständig Deadlines verstreichen lässt oder immer mehr einfach gar nicht erledigt bekommt, gilt irgendwann als unzuverlässig – vor anderen, aber auch vor sich selbst.

Besser: Verlassen Sie sich auf Ihr eigenes Können und trainieren Sie neue Denkmuster, empfiehlt die Münchner Diplom-Psychologin Gabi Ingrassia: „Wenn Sie denken ‚Ich kann nichts‘ versuchen Sie mal ‚Ich mache es, so gut ich kann.‘ Sie reagieren auf Lob mit einer Herabsetzung? Probieren Sie: ‚Danke, ja, das ist mir gut gelungen.‘“

Den vollständigen Artikel lesen Sie in working@office 6 | 2019. Hier geht es zum Gratis-Test ...

Die Expertin

Tatjana Reichhart, 40, ist Fachärztin für Psychiatrie und Verhaltenstherapie und hat viele Jahre klinisch und wissenschaftlich an der Universitätsklinik der Technischen Universität München (TUM) gearbeitet. 2015 hat sie gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin Katrin Große das Seminar- und Coaching-Café kitchen2soul im Münchner Stadtteil Neuhausen eröffnet. Seit 2011 hält sie Workshops in Unternehmen, Hochschulen und Behörden für Führungskräfte sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu dem Themenkomplex „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“. In diesem Jahr erschien ihr erstes Buch: Das Prinzip Selbstfürsorge. Wie wir Verantwortung für uns übernehmen und gelassen und frei leben. Roadmap für den Alltag, von Tatjana Reichhart, Kösel Verlag, 2019, 288 Seiten, 20 Euro.

Mit Gelassenheit gegen (zu) hohe Ansprüche

Wenn Chef oder Chefin einfach nie zufrieden sind, dann haben Sie es womöglich mit Perfektionisten zu tun. Bevor Sie versuchen, jemanden von seinem „150-Prozent-Trip“ runterzubringen, sollten Sie lieber an Ihrer eigenen Einstellung drehen. Dr. Tatjana Reichhart verrät, in welche Richtung.

WIR MÜSSEN REDEN …

Jemanden zu verändern, ist in aller Regel ein aussichtsloses Vorhaben. Deshalb versuchen Sie es gar nicht erst, das macht nur beide Seiten unzufrieden. Sehr wohl aber sollten Sie ein Gespräch mit Ihrer Chefin oder Ihrem Chef suchen, wenn Sie öfter das Gefühl haben, mit überhöhten Ansprüchen konfrontiert zu werden – und genau das thematisieren. So ein Gespräch sollte ganz ohne Vorwürfe verlaufen, also nicht nach dem Motto „Ihr Perfektionismus macht mich fertig …“

Erklären Sie mit konkreten Situationen, worum es Ihnen geht: „Mir fällt auf, dass wir in bestimmte Themen oder Aufgaben sehr viel Energie investieren … (konkretes Beispiel). Ich glaube, das Ganze würde geschmeidiger ablaufen, wenn wir … (Ihr Lösungsvorschlag). Was meinen Sie?“ Wenn es Ihnen im Laufe des Gesprächs gelingt, gemeinsam einen Weg zu finden, dann haben beide Seiten ihr Gesicht gewahrt – und Sie sind immerhin einen Energieräuber in der Zusammenarbeit los.

Reagieren Sie immer von Fall zu Fall und generalisieren Sie nicht – das verhindert, dass sich Ihr Gegenüber insgesamt infrage gestellt sieht.

MUT ZUM UNGEHORSAM

Wenn ein Gespräch nicht wirklich weiterbringt – oder auch, wenn Sie um eine bestimmte Angelegenheit gar nicht erst so viel Aufhebens machen wollen – entscheiden Sie eigenverantwortlich, wie „perfekt“ Sie eine bestimmte Aufgabe erledigen. Wenn Sie nicht gerade taufrisch in einem neuen Job angefangen haben, wissen Sie meist schon aus Erfahrung, wie genau etwas erledigt werden muss. Machen Sie einfach – nach Ihrem eigenen Maßstab.

Meist geht das gut und alle sind zufrieden. Falls nicht, halten Sie eine Erklärung parat, zum Beispiel: „Ich musste Prioritäten setzen, weil sonst nicht alles zu schaffen gewesen wäre. Wenn Sie damit unzufrieden sind, können wir beim nächsten Mal gern gemeinsam besprechen, was Vorrang hat.“

ABGRENZEN

Perfektionismus steckt an. Das haben Sie vielleicht selbst schon erfahren, wenn Sie in einem Unternehmen arbeiten, dessen Kultur von dem Dogma der Brillanz und Fehlerlosigkeit geprägt ist. Oder eben, wenn Ihre Chefin oder Ihr Chef ein perfektionistisches Verhalten an den Tag legen. „In einem solchen Umfeld kommt sehr wahrscheinlich niemand auf Sie zu und sagt, ‚Nun gehen Sie aber mal nach Hause, für heute ist es genug‘“, sagt die Expertin, „deshalb müssen Sie mehr Eigenverantwortung entwickeln und selber Grenzen setzen. Entscheiden Sie sich öfter für Ihre Interessen, die ansonsten zu kurz kommen.“

Noch drei Überstunden, noch ein Wochenende im Büro, das bedeutet auf Dauer Überforderung und Vernachlässigung des eigenen Wohlergehens. „Es ist ein Zeichen von Resilienz, rechtzeitig „Stopp“ sagen zu können – und Resilienz kann man trainieren“, sagt Tatjana Reichhart.

GESUNDE DISTANZ

Wenn Gespräche im Sande verlaufen und Chef oder Chefin nie wirklich zufrieden sind, dann setzen Sie sich mit Freunden oder Partner/- in zusammen und überlegen gemeinsam, welche Alternativen es gibt. Ein Blick von außen sieht oft mehr, als wenn man selber auf sich schaut. Falls Sie niemanden einbeziehen mögen in Ihre Überlegungen, können Sie diese Außensicht auch selbst einnehmen, rät Tatjana Reichhart: „Zoomen Sie sich heraus aus Ihrer Haut und denken Sie in der dritten Person von sich: Was würde ich einer guten Freundin raten, wenn ich an ihrer Stelle wäre?“

Ein anderer Job ist bei dem aktuell sehr guten Arbeitsmarkt sicher nicht unmöglich. Ist das keine Option, zum Beispiel, weil so vieles andere im Unternehmen einfach „stimmt“, dann emanzipieren Sie sich von den Menschen, die Ihnen mit ihrem Perfektionismus das Leben schwer machen. Das gelingt, indem Sie sich bewusst für den Job entscheiden und zugleich eine gewisse innere Distanz aufbauen – nach dem Motto „Es ist nur ein Job“. „Alles, was gesund erhält und niemand anderem schadet, ist erlaubt“, sagt Tatjana Reichhart.

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