Ich zweifle, also bin ich – gut!
„Konstruktive Selbstzweifel helfen, eine Aufgabe mit Bedacht zu erfüllen.“ - Christine Hoffmann, Coach und Trainerin

Ich zweifle, also bin ich – gut!

SELBSTZWEIFEL Sind sie Saboteure des Glücks oder helfen sie uns, Fehler zu vermeiden? Beides, sagt die Psychologie und unterscheidet nach konstruktiven und destruktiven Unsicherheiten. Wie man den Unterschied erkennt und die Miesmacher in eigener Sache zum Schweigen bringt.

Den besten Ruf haben sie nicht. Wenn von Selbstzweifeln die Rede ist, überwiegt bei den meisten Menschen wohl eine negative Empfindung. Oft assoziieren wir Schwäche, Unentschiedenheit und Unsicherheit mit diesem Begriff – Eigenschaften, die wir uns eher nicht wünschen.

Dabei haben Selbstzweifel eine ganz klare und wichtige Aufgabe in unserem Leben, mit durchaus positiver Wirkung: „Selbstzweifel sind (…) auch ein Zeichen für Kritikfähigkeit im Sinne von Selbstreflexion und daher unabdingbar für unsere persönliche Entwicklung.“ Das schreibt die Diplom-Psychologin Dr. Bärbel Wardetzky in ihrem Buch über einen gelasseneren Umgang mit Selbstzweifeln (siehe Kasten).

An anderer Stelle verweist sie auf die Energie und Schubkraft, die solche Gefühle mit sich bringen können, beispielsweise, wenn sie Bisheriges in Frage stellen: „Das kann neue Impulse geben und dazu führen, dass wir einen anderen Weg einschlagen und ungeahnte Entscheidungen treffen. Selbstzweifel lassen uns alte, ausgetretene Pfade verlassen und geben uns Hilfe bei der Neuorientierung.“

Mache ich das richtig?

Wer also immer wieder mal Selbstzweifel verspürt, sollte in Zukunft genauer hinhören auf die innere Stimme. Denn nicht selten steckt in dem Gefühl Potenzial – Veränderungspotenzial, Verbesserungspotenzial, Rückversicherungspotenzial. Und das nicht nur für die ganz großen Entscheidungen im Leben, die über unsere Zukunft bestimmen (und über die Zukunft anderer). Auch im Job können sie durchaus hilfreich sein, vor allem dann, wenn es auf Richtigkeit, Genauigkeit und Nachhaltigkeit ankommt.

Christine Hoffmann trainiert seit über 20 Jahren Sekretärinnen und Assistentinnen, die Großhandelskauffrau war selbst lange in diesem Beruf tätig, bevor sie sich zur Trainerin und zum Coach fortbildete. Ihre Erfahrung aus eigener Assistenztätigkeit und aus unzähligen Trainings, die sie gegeben hat: „Assistentinnen sind ständig dabei zu lernen, Neues auszuprobieren, effektivere Strukturen zu schaffen. Und je mehr man sich damit beschäftigt, desto öfter fragt man sich eben auch: Mache ich das richtig?“

Als Unsicherheit versteht sie diese Frage an sich selbst nicht: „Die dramatischen Veränderungen im Sekretariatsbereich hin zu deutlich mehr inhaltlichen Assistenzaufgaben haben ein ganz anderes Selbstverständnis mit sich gebracht. Assistenzkräfte haben heute im Office deutlich mehr Verantwortung. Und je mehr Verantwortung ich übernehme, desto öfter muss ich auch darüber nachdenken, ob das für alle gut ist, was ich tue.“

Die neu erarbeiteten Regeln für die Teamkommunikation, die Inhalte und Zugangsberechtigungen für das Firmen-Intranet, die Büroorganisation rein auf Software-Basis: Sind die Entscheidungen wirklich durchdacht, sind alle Interessen berücksichtigt, lassen sich Veränderungen weiterentwickeln – oder führen sie in eine Sackgasse? „Klar sind Chef oder Chefin letztendlich diejenigen, die entscheiden. Doch auch sie haben heute oft mehr Verantwortung als früher und brauchen assistierende Unterstützung bei inhaltlichen Aufgaben, auch mal bei Entscheidungen.

Oberste Priorität hat für beide Seiten das Wohlergehen der Firma – und da wollen wichtige Schritte selbstverständlich gut überlegt sein.“ Für Coach und Trainerin Christine Hoffmann steht deshalb fest: „Ohne Selbstzweifel kommt niemand durch den Beruf.“

Vorsicht vor Selbstentwertung

Aber Selbstzweifel haben auch ihre Schattenseiten. Entfalten sie ihre negative Kraft, dann bremsen sie uns aus, lassen uns zaudern, entwerten uns vor uns selbst – nicht selten mit fatalen Folgen für das gesamte Leben. Statt Chancen zu ergreifen, verharren wir im Gewohnten, statt Entscheidungen zu treffen, halten wir uns und andere in der Schwebe, statt Persönlichkeit und Fähigkeiten zu entfalten, machen wir uns klein und fühlen uns unfähig.

Wir vertrauen uns selbst nicht – und sind nicht besonders verwundert, wenn andere uns mit der Zeit auch nicht mehr viel zutrauen. Wenn wir dann scheitern, angesichts so vieler negativer Vorzeichen, nehmen wir das nicht als Herausforderung, es noch einmal – anders – zu versuchen, sondern als Bestätigung: „Hab ich’s doch gewusst, dass ich das nicht kann!“

Wenn die Selbstzweifel diese quälende Intensität erreicht haben, können sie sogar zur „Self Fullfilling Prophecy“ werden: Was ich erwarte – das eigene Versagen – tritt ein, weil ich es erwarte; die Prophezeiung erfüllt sich selbst. Die Selbstzweifel sind nicht mehr konstruktiv, indem sie uns zum nochmaligen Überprüfen, genauerer Recherche oder intensiverem Lernen motivieren, sie haben nun ein zerstörerisches Potenzial – und führen langfristig zur Selbstentwertung.

Wie sich dieser Mechanismus der Selbstentwertung nach innen und außen auswirkt, kann sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen neigen dazu, die Selbstzweifel zu verdrängen, erklärt die Psychologin Marion Lemper-Pychlau aus Königstein im Taunus: „(…) Sie sind sich in der Regel nicht einmal bewusst, dass sie starke Selbstzweifel hegen. Sie überkompensieren und machen sich selbst kurzerhand größer.“

Für Narzissten sei so ein Verhalten typisch, sie geben sich schlauer, mächtiger als andere – und wollen Kritisches an sich selbst partout nicht erkennen. Andere wiederum, und das mag öfter bei Frauen der Fall sein, grübeln ständig darüber nach, wie sie im Vergleich zu anderen abschneiden, wie sie wirken, ob sie gut genug sind – mit in der Regel negativem Befund.

Das kann laut Marion Lemper-Pychlau, die sich als Expertin für Arbeitsfreude versteht und ihr Wissen als Coach und Vortragsrednerin weitergibt, zu einem „besonders freundlichem Verhalten, großem Fleiß und Angepasstheit“ führen: „Solche Menschen können nach außen sogar sehr erfolgreich sein. Aber innerlich treiben sie Angst und Zweifel an.“* Eine ständige Furcht vor „Entdeckung“ begleitet diese Menschen durch ihr Leben, ein souveränerer Umgang mit den eigenen Selbstzweifeln würde sicherlich eine deutliche Entspannung bedeuten.

Mit Mutmacher-Sätzen sich selber stärken

Wer das Gefühl hat, es öfter mit selbstentwertenden Zweifeln an der eigenen Person zu tun zu haben, sollte Gegenstrategien entwickeln. Das gelingt vielleicht schneller und direkter, wenn man eine Therapeutin oder einen Therapeuten findet, die einen dabei unterstützen. Aber man kann und sollte auch selbst dagegen anarbeiten, zum Beispiel mit einer regelmäßigen Gegenfrage an die selbstentwertende innere Stimme: „Willst Du mich darauf hinweisen, etwas an meinem Handeln oder an einer Entscheidung zu überdenken – oder stellst Du mich als Person in Frage?“

Dieses destruktive Verhalten verrät sich über typische, immer wiederkehrende Sätze, die Sie ruhig einmal ein paar Tage sammeln sollten und am besten aufschreiben. Und dann? Entwickeln Sie Sätze, die Ihnen Mut machen, schreiben Sie sie auf, lernen Sie sie auswendig. Irgendwann haben Sie sie dann prompt parat, wenn wieder einmal ein vernichtendes Urteil aus dem eigenen Kopf zu Ihnen spricht: „Ich weiß, was ich kann – und worin ich noch nicht perfekt bin, das kann ich lernen!“

Die Psychotherapeutin Friederike Potreck-Rose spricht in ihrem Buch über Selbstwert (siehe Kasten) von „Mutsätzen“, die zum Beispiel so lauten können:

  • „Du kannst dich dir selbst anvertrauen.“
  • „Beginne mit einem kleinen Schritt.“
  • „Du findest einen Weg.“
  • „Vertraue dir, du machst das gut.“
  • „Du kannst dir Unterstützung holen.“
  • „Du kannst das gut genug.“
  • „Dieser Anforderung bist du gewachsen.“
  • „Du schaffst das.“

Wer ungeübt ist in solchen Selbstbestätigungen, weil bislang die kritische Stimme stets die vorlautere war, braucht sicher etwas Zeit dafür, wohlwollender mit sich selbst umzugehen, meint die Autorin, die auch coacht: „Gestehen Sie sich zu, keine Übung darin zu haben. So leuchtet Ihnen schnell ein, dass es einiges Training braucht, bis Ihnen das Spenden von Anerkennung für sich selbst leicht fällt.“

* „Bin ich gut genug“, in Psychologie Heute, Beltz Verlag, Mai 2019

Den vollständigen Artikel lesen Sie in working@office 08 | 2019. Hier geht es zum Gratis-Test ...

Zum Weiterlesen

Souverän & selbstbewusst. Der gelassende Umgang mit Selbstzweifeln, von Bärbel Wardetzky, Kösel, 2014, 140 Seiten, 14,99 Euro

Von der Freude, den Selbstwert zu stärken, von Friederike Potreck-Rose, Klett-Kotta, 13. Auflage 2018, 130 Seiten, 18 Euro