Eine Kolumne als Sofort-Maßnahme: „Wenn Männer Bäume pflanzen ...“
Mut zur "Re-Gnose": Was wäre, wenn wir zur Abwechslung mal aus der Zukunft in die Gegenwart zurückgucken würden, und zwar als „Positiv-Test“ der anderen Art?

Eine Kolumne als Sofort-Maßnahme: „Wenn Männer Bäume pflanzen ...“

Wie geht es Ihnen in diesen absurden Zeiten, in denen wir befürchten, jeder Kontakt könne uns zu Staub verfallen lassen und in denen quarantänierende Regierungschefs sich aus dem Wohnzimmer zu Wort melden? Nein, wir sind leider in keinem Buch und auch in keinem Film gestrandet.

In meinem Kopf und in meinem Herzen fahren Gedanken und Gefühle Achterbahn: Glücklich, dass die Lieben noch gesund sind, ängstlich, dass es anders kommt, beruhigt angesichts all der Bemühungen von Wissenschaft und Politik und besorgt, das könnte nicht reichen. Was macht man da? Der Coach in mir versagt – was die eigene Person angeht – ziemlich oft, denn ich habe auch eine verdammt skeptische Ostwestfälin in mir. Aber immerhin, die Feder in der Hand beginnt allmählich, die Seele freizuschreiben. In Zeiten, in denen so wenig greifbar ist und wir schlapp in der Luft hängen wie Wäsche auf der Leine an windstillen Tagen, hilft mitunter die Re-Gnose – auf dem Papier und im Kopf.

Kennen Sie nicht? Doch kennen Sie. Sie kennen ja auch die Pro-gnose. Eine Prognose blickt ausgehend von der Gegenwart in die Zukunft. Aber was wäre, wenn wir zur Abwechslung mal aus der Zukunft in die Gegenwart zurückgucken würden, und zwar als „Positiv-Test“ der anderen Art? Matthias Horx, der Trendforscher, hat sich das ausgedacht, und ich beschreibe das jetzt mal so: Stellen Sie sich eine Situation im September vor, an einem dieser noch schönen, sommerlichen Tage, und Sie sitzen mit Freunden draußen beim Lieblingsitaliener, ohne Mundschutz und Einweghandschuhe. Die Welt wird eine andere sein, denn die Welt, die wir bis heute kannten, geht gerade verloren. Total Reset. Sie wird neu sein. Worüber werden Sie sich wundern, so im Rückblick? Was hat sich verändert, abgesehen von der Tatsache, dass Sie seit Monaten kein Klopapier mehr kaufen mussten, weil Sie noch so viel davon haben? 

Sie werden sich wundern, dass der Verzicht auf soziale Kontakte das Gegenteil bewirkte: Sie kontaktierten alte Freunde wieder häufiger, hielten erstmalig regelmäßig mit Ihrer Oma ein Telefon-Pläuschchen, und zwar länger als fünf Minuten. Plötzlich erwischten Sie nicht nur den Anrufbeantworter, sondern echte Menschen, wenn Sie den Hörer in die Hand nahmen. Mails und WhatsApp-Nachrichten bekamen geradezu literarische Qualität, da man plötzlich sehr echte Gefühle im Kopf und im Herzen hatte, die raus mussten. Sie konnten endlich testen, ob Sie zu Ihrer Kontaktperson eine Outdoor- oder Indoor-Beziehung haben.

Ihr Chef entdeckte, dass Sie sogar und sogar gerade im Home-Office für ihn da waren, wann immer er operativen Ablenkungsdrang verspürte. Ja, er wurde handzahm und sagte Dinge wie „Ich wusste gar nicht, dass Sie so gut improvisieren können“. Es war nicht auszuschließen, dass er danach in seinen Garten ging und einen Baum pflanzte. Sie wurden nicht mehr angerempelt, wenn Sie draußen unterwegs waren. Drängeln war plötzlich out, und alles war weniger dicht und weniger schnell. Wir entdeckten die Langsamkeit, und das tat der gestressten Seele gut. Man blickte in einer Art Frustrationsallianz wieder länger in Gesichter, wenn man sich schon nicht die Hand geben konnte. Und man hörte einander länger zu, wenn gerade jemand Worte fand, die einem selbst fehlten, und wenn man sie dann fand, redete man mehr als früher. Ja, wir entdeckten sozusagen das Italienische in uns.

Lassen Sie uns irgendwann in der Zukunft so darüber sprechen, damit wir ein bisschen davon in die neue Zukunft tragen. Nur das Virus, das lassen Sie bitte in der Vergangenheit.

Diese Kolumne erscheint in w@o 5/2020, außerdem haben wir in dieser Ausgabe viele weitere Themen aufbereitet, die Ihnen helfen, in der aktuellen Situation effizient und fokussiert zu arbeiten.